Beschreibung
Leseprobe: Kapitel 1 Der grüne Stoff ihres Sommerkleids umspielte Ninas nackte Beine, als sie im Dämmerlicht die Straße entlang schlenderte. Ihrer Henkersmahlzeit entgegen. Familienessen. Nina hatte versucht, sich herauszureden. Mit neunzehn Jahren war man doch wohl alt genug, um mit seinen Freunden zu feiern. Ein Stück Kuchen am Mittag hätte gereicht. Nichts da! Geburtstag war Familientag. Ihr Einwurf, dass sie schon lange keine Familie mehr waren, hatte nicht gezählt. Die Stimme ihrer Mutter klang noch immer in ihren Ohren. Solange ich lebe, bin ich deine Mutter. Wenn dein Vater das anders sieht, ist das sein Problem. Mich wirst du nicht los. Immerhin sollten wir auch mich ein bisschen feiern. Deine Geburt war kein Zuckerschlecken. Ja, ja, ich weiß, hatte Nina den Monolog ihrer Mutter beendet. Achtzehn Stunden Wehen und das im Hochsommer. Ihre Mutter lachte. Da hast du vollkommen recht! Ich freu mich auf dich, Wildfang. Ich freu mich auch, Mama. Und eigentlich stimmte das ja auch. Sie liebte ihre Mutter und meistens auch ihren Vater. Doch seit ihre Eltern sich vor drei Jahren getrennt hatten, waren die Familientreffen ein Graus. Die beiden nutzten jede Gelegenheit, um sich an die Gurgel zu gehen und sich jedes Haar einzeln auszureißen. Ihr Lieblingsstreitthema war die Erziehung ihrer Tochter. Dabei hatten sie die abgeschlossen, als sie die Familie zerstört hatten. Von heute auf morgen war Nina selbst für sich verantwortlich gewesen. Die Eltern waren auseinandergezogen und hatten Nina eine kleine Wohnung neben der Schule gekauft, damit sie schon mal lernte, auf eigenen Beinen zu stehen. Am Anfang hatte sie sich gefreut. Mit sechzehn eine eigene Bleibe, wie cool war das denn! Doch da hatte sie noch nicht gewusst, welcher Rattenschwanz daran hing. Kochen, putzen, waschen. Kaputter Kühlschrank, Wasserschaden bei den Nachbarn und die Verwaltung, die das neue Dach besprechen wollte. Irgendetwas war immer! Doch das Schlimmste war die Einsamkeit. Von der Schule nach Hause zu kommen und keiner wartete auf sie. Niemand wollte hören, wie ihr Tag verlaufen war, ob die Lehrer blöd gewesen waren, ob sie ihr Pensum schaffte. Abends, wenn sie ausging, stellte keiner Fragen. Mit wem gehst du? Wann kommst du? Wie kommst du wieder? Sie hätte in ihrer eigenen Badewanne ertrinken können, wenn sie eine gehabt hätte, und es wäre erst aufgefallen, wenn die drei Tage Fehlzeit in der Schule überschritten gewesen wären. Nina bog um die Ecke auf den Schweizer Platz und verlangsamte ihr Tempo. Nur noch zweihundert Meter zu überwinden und das Theater konnte beginnen. Hätte sie gewusst, dass dies ihr letzter Geburtstag in ihrem alten Leben sein würde, hätte sie sich vielleicht mehr gefreut.
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