Beschreibung
Wie der Mensch die Gerechtigkeit in der Gleichheit sucht, so sucht die Gesellschaft Ordnung in der Anarchie. Die Anarchie, die Abwesenheit jedes Herrschers, jedes Souveräns, das ist die Regierungsform, der wir uns täglich mehr nähern. PierreJoseph Proudhon: Was ist das Eigentum?, 1840 Von allen utopischen Sozialexperimenten in der jungeren Geschichte ist die Kibbuzbewegung Israels zugleich ein Archetypus und eine einzigartige Ausnahme. Aus einer reizlosen Ansammlung von Lehmhutten am Ufer des Flusses Jordan nahm die nahe liegende Idee einer kommunitären Gesellschaft ohne Ausbeutung und Herrschaft in Palästina schnell Gestalt an und erbluhte zu einem landesweiten Netzwerk egalitärer Gemeinschaften. Durch gute (und unglucklicherweise auch schlechte) Zeiten hindurch konnten diese Kommunen nicht nur ihre Existenz aufrechterhalten, sondern dauerten in unterschiedlichen Formen uber fast ein Jahrhundert hinweg fort. Im Unterschied zu anderen utopischen Projekten, von denen die meisten nur eine historisch kurze Zeitspanne bestanden oder von der sie umgebenden Mehrheitsgesellschaft mit Argwohn und Misstrauen betrachtet, bisweilen gar verfemt wurden, spielten die Kibbuzim eine zentrale und entscheidende Rolle beim Grundungsprozess einer Nation und der Neuorientierung einer gesamten Bevölkerungsgruppe. Seit den fruhesten Tagen ihrer Existenz erfullten die Kibbuzim eine Vielzahl von Anforderungen, derer die judische Renaissance bedurfte: Sie trugen dazu bei, Israels Infrastruktur aufzubauen und bildeten die Grundlagen einer Nationalökonomie; sie ubernahmen die Verantwortlichkeit fur die massenhafte Aufnahme vieler Tausender von Immigrant*innen; sie schufen eine landesweite Gewerkschaft, der mehr als drei Viertel der gesamten Arbeiterschaft des Landes angehörte; und sie leisteten einen landwirtschaftlichen und industriellen Beitrag fur das Land, der noch immer den Anteil der Bevölkerung, der in ihnen lebt, bei Weitem ubersteigt. In keinem anderen Staat haben Kommunen solch eine zentrale Rolle im nationalen Leben gespielt. Doch trotz einer Vielzahl an wissenschaftlichen Studien uber die bekannteste aller Kommunebewegungen haben nur wenige von ihnen eine passende Kategorisierung fur deren einzigartige Organisationsform gefunden. Meist einigte man sich auf ambivalente Allerwelts-Begriffe wie Kommunismus oder Sozialismus im Kleinen. Das System jedoch, das den Kibbuz-Gemeinden uber solch lange Zeit hinweg Dienste erwies, ist in Wirklichkeit ebenso weit entfernt vom staatsorientierten Sozialismus wie vom Markt-Kapitalismus. Während nur wenige Beobachter*innen aus dem vorherrschenden Medienbetrieb zugestanden haben, dass die Kibbuzim sogar ein anarchistisches Element enthalten, musste in viel stärkerem Maße darauf hingewiesen werden, dass die Kibbuzim die ideologischen Abkömmlinge der anarchistischen Tradition sind und nicht der staatssozialistischen Tradition.(1) Der Untersuchung dieser Aufgabe widmet sich dieses Buch. Die Sozialutopie des Anarchismus Seit dem Jahre 1840, als Proudhon den Ausdruck Anarchie zum ersten Mal benutzte, um eine positive Sozialphilosophie zu bezeichnen, wurde der Begriff fortwährend entstellt, sodass seine Bedeutung fast vollständig verlorengegangen ist. Zumeist wird unter Anarchismus eher eine Albtraum-Dystopie verstanden, anstatt die utopische Philosophie, die er tatsächlich ist. Im Ergebnis wurde dieser Sozialutopie daher nur selten die Aufmerksamkeit geschenkt, die sie als politische und ökonomische Theorie verdient hätte. Weit entfernt von der Befurwortung des Chaos, mit der ihn viele identifizieren, ist der Anarchismus im Wesentlichen eine anti-autoritäre Form des Sozialismus. Er grundet auf der Überzeugung, dass hierarchische Politikformen sowohl unnötig als auch nicht wunschenswert sind, und schlägt vor, alle autoritären, zwanghaften und ausbeuterischen Institutionen in der Gesellschaft aufzulösen und sie durch alternative Institutionen freiwilliger, nicht uber die Regierungsebene organisierter Zusammenarbeit zu ersetzen. Während der Staatssozialismus eine traditionell hierarchische Sozialordnung durch die Mittel zentralisierter, von oben nach unten verlaufender polit-ökonomischer Strukturen und Prozesse aufzwingen will, geht der Anarchismus von der Annahme aus, dass die Menschen dazu fähig sind, sich selbst zu regieren, ohne solche Institutionen und die dafur notwendigen Machtverhältnisse. Unter dem Slogan Von unten nach oben regieren verstehen Anarchist*innen, dass sich die Gesellschaft durch selbständige lokale Gemeinden in ein selbstorganisiertes, direktdemokratisches und ökologisch nachhaltiges System transformieren kann. Es ist dann frei von der Ausbeutung und Ungleichheit, die das staatssozialistische Modell kennzeichneten, das fur die fruhere UdSSR und das heutige China kennzeichnend war und ist, um hierfur nur die bekanntesten Beispiele zu nennen.(2) Peter Kropotkin Anarchistische Ideen tauchten zuerst in den fruhen Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts auf. Durch das gesamte weitere Jahrhundert hindurch fugten sie sich schnell zu einer kohärenten Strömung der Sozialphilosophie zusammen, mit deutlich ausgebildeten Zielvorstellungen. Sie entwickelten ein hohes Niveau, nicht nur hinsichtlich der Kritik des kapitalistischen Staats, sondern auch bei ihrer Konzeption fur eine kunftige, postkapitalistische Alternative. Dieses Buch konzentriert sich hauptsächlich auf die politische Hinterlassenschaft - in Form der israelischen Kibbuzbewegung - des russischstämmigen Philosophen Peter Kropotkin (1842-1921), einem der einflussreichsten anarchistischen Theoretiker des 19. Jahrhunderts, dessen Theorie des Anarcho-Kommunismus (bekannt auch als kommunistischer Anarchismus, als libertärer Sozialismus oder als kommunitärer Anarchismus) vielleicht den größten Beitrag fur das nachfolgende anarchistische Gedankengut bildete. Kropotkins Anarchismus grundete sich auf der Überzeugung, dass der menschliche Fortschritt eher durch gegenseitige Hilfe und Zusammenarbeit bedingt ist als durch den Wettbewerb untereinander. Er beschrieb die Utopie einer kunftigen postkapitalistischen Gesellschaft, in welcher die ausbeuterischen Zwangsinstitutionen des zentralisierten kapitalistischen Staats durch ein frei föderiertes Netzwerk freiwilliger, landwirtschaftlich-industrieller Kommunen ersetzt wurden, die auf demokratische Weise durch ihre Mitglieder, ohne hierarchisch-autoritäre Strukturen oder irgendeinen Rahmen gesetzlicher Sanktionen verwaltet wurden. Innerhalb dieser dezentralisierten Gemeinschaften wurden die Menschen sowohl als Produzent*innen wie als Konsument*innen in Gleichheit leben, wobei die Verteilung der Guter und Ressourcen im Einklang mit dem kommunistischen Prinzip Jedem nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedurfnissen durchgefuhrt wurde. Das Eigentum und die Produktionsmittel sollten in gemeinschaftlichen Besitz ubergehen, das Lohnsystem wurde abgeschafft und die kapitalistische Arbeitsteilung wurde durch die Aufhebung von Hand- und Kopfarbeit mittels systematischer Rotation der Arbeitsaufgaben abgeschafft werden. Dieses Modell wurde durch die Selbstverwaltung und direkte Demokratie die zentralisierten Entscheidungsstrukturen ersetzen können und, so glaubte Kropotkin, eine freie und klassenlose Gesellschaft absichern. Gemäß Kropotkin ist das kapitalistische Wirtschaftsmodell nur dann wirksam und wunschenswert, wenn der persönliche Gewinn und der Mehrwert (d.h. das wirtschaftliche Wachstum, das durch die unbezahlte oder - in marxistischen Begrifflichkeiten ausgedruckt - ausgebeutete Arbeitskraft geschaffen wird) zur Grundlage unserer wirtschaftlichen Aktivitäten genommen werden. Wenn dagegen die Bedurfnisse des Individuums als Grundlage genommen wurden, könnten wir das Erreichen einer gesellschaftlichen Organisationsform des Kommunismus nicht verfehlen, die es uns ermögliche, so sagte er, alle Bedurfnisse in umfassender und ökonomischer Weise zu befriedigen. Kropotkin betrachtete die Arbeit als eine soziale Aktivitä...
Die Studie von James Horrox umfasst 140 Jahre Geschichte der Kibbuzbewegung. Von der zweiten bis zur vierten jüdischen Einwanderungswelle in Palästina 1904 bis 1932 waren die Kibbuzim anarchistisch geprägt und stark von Kropotkins kommunistischem Anarchismus, Landauers Siedlungssozialismus und Bubers binationalem Föderalismus beeinflusst. Sie strebten keinen eigenen Staat in Palästina an. Erst als die zionistisch-etatistische Strömung von Ben-Gurion und Menachem Begin in der Kibbuzbewegung ab den End-Dreißigerjahren die Oberhand gewann, wurde der Anarchismus in den Kibbuzim zurückgedrängt. Ganz erstarb er jedoch nie. Es kam nach reaktionären Phasen zu Formen der Renaissance, etwa ab den Neunzigerjahren in den urbanen Kibbuzim, als man sich der solidarischen Prinzipien der anarchistischen Frühphase wieder erinnerte. Es gab Verbindungen zur jüngeren anarchistischen Bewegung in Israel, zu den neuen Kriegsdienstverweigerer*innen, zu äthiopisch-jüdischen Nachbarschaftsprojekten und sogar gemeinsame arabisch-jüdische Kibbuzim. Das Buch bringt verdrängte Geschichte zum Vorschein und deutet Perspektiven jenseits der latenten und manifesten Kriege der Gegenwart an.
Autorenporträt
James Horrox ist ein freischaffender Autor, Forscher und Politikwissenschaftler aus Großbritannien. Er lehrte an der Manchester University, der University of Salford und der Open University. Gegenwärtig lebt er in Los Angeles und ist als Policy Analyst u.a. mit Themen rund um Umwelt und Naturschutz befasst.
Herstellerkennzeichnung:
Verlag Graswurzelrevolution e.V.
Bernd Degener
Guido-Schmitt-Weg 4
69126 Heidelberg
DE
E-Mail: buchverlag@graswurzel.net
Internet: www.graswurzel.net




































































































