Die Wikinger

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Das Zeitalter des Nordens

ISBN: 3608964533
ISBN 13: 9783608964530
Autor: Winroth, Anders
Verlag: Klett-Cotta Verlag
Umfang: 371 S.
Erscheinungsdatum: 22.06.2019
Format: 2.4 x 21.5 x 13.6
Gewicht: 356 g
Produktform: Kartoniert
Einband: Kartoniert
Originaltitel: The Age of the Vikings

‚Brillant geschrieben und bietet viele neue historische Erkenntnisse.‘ Peter Heather

Anschaulich und mit großem Erzähltalent schildert Anders Winroth die Lebenswelt der Wikinger. Zugleich zeichnet er ein umfassendes, farbiges Bild einer der stürmischsten Epochen des Abendlandes, in der die Räuber aus dem Norden das Gesicht Europas veränderten.

Artikelnummer: 7146643 Kategorie:

Beschreibung

Kapitel 1 Einleitung Der Furor der Nordmänner Endlich ließ sich der Häuptling auf seinem erhabenen Sitz nieder. Die Krieger hatten in gespannter Erwartung auf den Bänken in der großen Halle ausgeharrt, gewärmt vom prasselnden Feuer und gelabt mit reichlichen Mengen Met. Die Dienerinnen des Häuptlings hatten im Herbst Wochen damit zugebracht, Honig und Wasser zu mischen und Fässer zu füllen mit dem Trank für die berühmte YuleFeier, das alte skandinavische Mittwinterfest. Nun war der Häuptling eingetroffen - angetan mit seinen besten Gewändern -, und verlangte zu wissen, warum man seinen berühmten Kriegern nur ein so gewöhnliches Getränk kredenzt hatte. Verdienten sie denn nichts Besseres nach all dem, was sie im Frankenland geleistet hatten? Hatten sie nicht Fässer voll des besten Weins aus dem reich bestückten Keller jenes Klosters im letzten Sommer mitgenommen und ihre Beute mit ihrem Blut teuer bezahlt? Das Erscheinen des Krugs, seine perfekte Ebenmäßigkeit, die im Vergleich mit den gewohnten plump-irdenen Gefäßen so ganz anders wirkte, ließ die ungehobelten Krieger in der riesigen Halle verstummen. Mehrere horizontale Reihen aus Zinnfolie und dazwischen Gruppen von Rhomben schmückten den Krug, ein wundervolles Gefäß für ein exotisches Getränk. Der Häuptling wurde als Erster bedient, er nahm einen Becher mit kunstvollem Dekor aus blauem Glas in zarten Streifen entgegen; danach wurde dem Mann auf dem Ehrenplatz ein ebensolches Glas überreicht. Die anderen Männer tranken aus Hörnern oder einfachen Bechern, jetzt aber tranken alle Wein statt Met, um ihrer aller Tapferkeit und ihren Erfolg bei ihren Raubzügen im Sommer zu feiern. Einige der Krieger erkannten die Glasgefäße wieder: Der Häuptling hatte sie gekauft, als die Kriegerbande auf dem Heimweg der Stadt Hedeby einen Besuch abstattete. Man munkelte, die blau schimmernden Gläser stammten aus einem weit entfernten Königreich namens Ägypten; und der Häuptling hätte für das, was er nach zähen Verhandlungen dafür bezahlte, ein gutes Langschiff erwerben können. Einige der Krieger, gewöhnt an schlichtere Getränke, kannten den Geschmack von Wein noch nicht. Welch ein herrlicher Anführer, der solchen Luxus so großzügig zu teilen verstand! Und er sah ja auch ganz wie ein Führer aus. Auf den Umhang, den er trug, waren Leoparden und silberne Pailletten gestickt, und der Stoff war üppig mit Fuchspelz verbrämt. Auf dem Kopf trug der Häuptling eine seidene Mütze. Ein mit Eiderdaunen gefülltes Kissen in einem herrlich bestickten Überzug, auf dem eine Prozession von Menschen, Pferden und Wagen zu sehen war, polsterte seinen Sitz, und neben ihm lehnte eine Zeremonialaxt: Sie war dekoriert mit der aus Silberdraht gefertigten Darstellung eines Phantasietiers. Wahrhaftig ein echter Häuptling! Woher nahm er all diese herrlichen Dinge? Nur wenige Krieger waren vergleichbaren Luxusgütern je so nahe gekommen. Nie hatten sie so dunkel-schimmernde Füchse gesehen, nie waren sie mit Stoff in Berührung gekommen, der so glänzte und leuchtete. Nicht jeder in der Halle war im letzten Sommer mit dem Häuptling ausgefahren, um in Frankenland Beute zu machen; zur Feier waren auch viele Neulinge erschienen. Man konnte sie prahlen hören: Wie sie selbst im nächsten Sommer mit diesem Häuptling ziehen würden, um ihre Schwerter zu röten mit dem Blut der Franken und der Englischen - und vielleicht sogar, warum nicht, mit dem der Mauren in Spanien? Und sie würden unerhörte Reichtümer anhäufen. Im vergangenen Sommer hatten sie nicht so viel Glück gehabt. Von den drei Schiffen, die unter dem Befehl eines anderen Häuptlings ausgefahren waren, kam nur eines zurück, und dieses kam ohne den Führer, der, so hieß es, gefallen war, als sich die Friesen völlig überraschend zur Wehr gesetzt hatten. Keiner wusste genau, was passiert war, denn diejenigen, die zurückgekommen waren, sprachen ungern darüber. Nun war es Zeit für das Hereinbringen der Speisen, doch als Erstes mussten die Götter ihren Anteil bekommen. Der Häuptling schnitt dem Opfertier die Kehle durch und ließ das Blut auf den Boden fließen. Auf die Lache goss er etwas Wein. Außerdem hielt er ein kleines Stück Goldfolie hoch, so dass jeder es bewundern konnte. Diejenigen, die in der Nähe saßen, konnten das eingeprägte Bild eines sich umarmenden Paares erkennen. Der Häuptling befestigte die Folie an einem der Pfosten, die das Dach trugen. Nicht alle seine Krieger wussten so ganz genau, was es mit diesem Ritual auf sich hatte, aber alle waren sicher, dass ein Segen damit verbunden war. Das geopferte Lamm wurde hinausgetragen, um gebraten zu werden, und das übrige Essen wurde hereingebracht: große Stücke gebratenes Fleisch, mehrere Kessel gekochter Fisch, und Zuckerwerk. Die Krieger langten bei all dem, was angeboten wurde, kräftig und zufrieden zu. Es war natürlich völlig unnötig, zu den Festen dieses berühmten Häuptlings sein Essen selbst mitzubringen! Die Bäuche gefüllt mit einem wunderbaren Festmahl waren nun alle geruhsam damit beschäftigt, Nüsse von ihren harten Schalen zu befreien, um die süßen Kerne zum Dessert zu genießen. Der Häuptling und die Gäste in seiner unmittelbaren Nähe hatten größere Nüsse, die einfacher zu öffnen waren, denn ihre Schalen waren weicher und dünner. Ob wohl auch der Inhalt wohlschmeckender war? Nur wenige in der Halle hatten je von diesen ausländischen 'welschen' Nüssen, den 'Walnüssen', gekostet. Einige konnten sich daran erinnern, wie eine einzige Walnuss in das prächtige Grab des vorigen großen Häuptlings gelegt worden war. Dieses Begräbnis war ein Ereignis, das man nicht so leicht vergaß: Der tote Mann hatte ein riesiges, prachtvolles Schiff mit erlesenen Holzschnitzereien bekommen, das ihn ins Jenseits befördern sollte. Die Leute hatte beeindruckt, dass sein Sohn bereitwillig ein so gewaltiges Schiff hergab, obwohl böse Zungen leise behaupteten, das Schiff sei nicht sonderlich seetauglich, zweimal gekentert, und der Bruder des Häuptlings bei dem Unfall ertrunken. Der Sohn des alten Häuptlings hatte außerdem eine unerhörte Anzahl Pferde auf dem Vorschiff geopfert. Man sprach noch lange von dem Blutmeer auf dem Deck des Begräbnisschiffs, bevor Erde darüber gehäuft wurde, die einen Hügel bildete, aus dem als Denkmal der Mast noch herausragte. In der Mitte der Halle erhob sich der Skalde, und die Krieger, mittlerweile recht angeheitert, wurden zwar nicht ganz still, doch immerhin kehrte genug Ruhe ein, dass die meisten im Raum ihn hören konnten. Der Skalde wandte sich an den Häuptling und deklamierte: 'Hört meiner Dichtung zu, Zerstörer des dunklen Blau, ich weiß zu komponieren.' Das war ein guter Skalde, sogar ein sehr guter; man konnte an seinem Akzent hören, dass er ein Isländer war, und die Isländer waren, wie jeder wusste, die besten Skalden. Die Krieger genossen den Wohlklang der Verse, die er rezitierte: den Rhythmus, die Alliteration, den Endreim, den unreinen Reim, die Assonanzen - allerdings verstanden sie nicht jede Strophe so ganz genau. Die Wortstellung war derart unnatürlich, das Gewebe des Reims hochkomplex, und die dichterischen Umschreibungen sehr weit hergeholt. Dunkles Blau. bedeutete was genau? Wunden-Schwäne? Mahlzeiten von Riesen? Doch feierten die Verse ganz eindeutig die Erfolge des Wikinger-Abenteuers im letzten Sommer. Die Krieger erkannten einzelne Wörter: Franken, Feuer, Gold, Pferde, ein Rabe. Und plötzlich platzte ein Krieger heraus: 'Wir haben kräftig den Raben gefüttert in Frankenland! ', denn ihm war auf einmal aufgegangen, was die Lösung eines Teils des Rätsels in einer der Strophen war. Jeder applaudierte, und der Dichter musste einen Augenblick lang verstummen. In der altnordischen Dichtung bedeutete den (poetisch auch als WundenSchwan bezeichneten) Raben füttern: den Feind töten, also eine Mahlzeit bereiten für Tiere, die sich von Aas ernähren. Es war für die betrunkenen Krieger schwierig, selbst solche Wendungen zu entschlüsseln, denn der Isländer glänzte nicht nur mit weit hergeholten Ausdrücken, sondern auch mit der Verwendung unnatürlicher Wortstellungen und seltener Redewendungen. Die Eingangszeile war noch ganz einfach gewesen, denn der Skalde begann strategisch geschickt mit leicht verstehbaren Worten. Und über das Ende konnte es auch keine Zweifel geben, denn seine Gesten und sein Tonfall machten es überdeutlich, dass er am Schluss zum Ruhm und Preis des Häuptlings ansetzte. Der Häuptling belohnte den Skalden mit einem goldenen Armreif, den er von seinem eigenen Arm ablöste, und er überschüttete die erwartungsvollen Männer für ihre Tapferkeit und Treue mit Armringen aus Gold und Silber, Schwertern mit reich dekorierten Knäufen, mit Kleidung, Helmen, Kettenhemden und Schilden. Selbst diejenigen, die sich erst vor Kurzem dem Häuptling angeschlossen hatten, empfingen Beweise seiner Freundschaft, überwiegend Waffen, je nach Ansehen und ihrer Kämpferqualität. Als der Abend zu Ende ging, waren alle glücklich. Sie hatten genug und übergenug gegessen und getrunken, hatten der Deklamation des Skladen, von der sie wussten, dass es große Dichtung war, gelauscht und ihn auch halb verstanden, und sie konnten mit ihren neuen Armringen oder Schwertern prunken, die jedermann zu verstehen gaben, dass sie die geschätzten Freunde dieses grandiosen Häuptlings waren. Während des Winters verbrachten viele Männer Monate damit, ein neues, noch eindrucksvolleres Schiff für die Überfallsaison des nächsten Sommers zu bauen. Sklavenfrauen und Dienerinnen spannen und woben ein großes wollenes Segel, eine Arbeit von Tausenden und Tausenden von Stunden, aber die Arbeit lohnte sich. Das neue Schiff würde nicht nur schneller vorankommen, die Größe des Segels würde auch dafür sorgen, dass der Ruf des Häuptlings sich noch weiter ausbreitete und noch mehr Männer dazu verlockte, sich freiwillig auf die Ruderbänke zu begeben. Natürlich konnte sich der Häuptling nach all dem Silber und Gold, das er im vergangenen Sommer zusammengerafft hatte, mit Leichtigkeit all diese Ausgaben leisten: Einiges hatte er schlicht aus Klöstern, Kirchen und Privathäusern genommen; einiges hatte man ihm gegeben als Bezahlung für das Versprechen, die unglückseligen Europäer in Ruhe zu lassen; einiges empfing er als seine Bezahlung für die Männer und Frauen, die er gefangen genommen und als Sklaven verkauft hatte. Es lief gut für diesen Häuptling, der einer Gruppe ergebener Krieger vorstand. Alle waren sie ganz versessen darauf, auszuziehen und treu für ihren Häuptling zu kämpfen wenn es sein musste, auch für ihn zu sterben. Alle freuten sich auf die nächsten Raubzüge durch Europa, sobald der Frühling anbrach. Alles fing mit den großen Festgelagen in den Hallen der norwegischen Häuptlinge an. Von hier gingen die Raubzüge der Wikinger aus: Sie wurzelten in den Treuebeziehungen und Freundschaften, die beim Essen, Trinken und Schenken entstanden. Und in den Hallen ging auch alles zu Ende - mit der Verteilung der Beute als Geschenk, was den Grund legte für einen neuen Kreislauf der Gewalt im folgenden Jahr. Die Männer liebten ihren großzügigen Häuptling, der Essen und Trinken bereitstellte, Unterhaltung, Juwelen und Waffen. Gerne gaben sie ihm dafür ihre Treue und ihre kriegerische Kühnheit. Obwohl die Demütigung der mächtigen Königreiche Europas, die Plünderung reicher klösterlicher Schatzkammern und die großen Schlachten zwischen Wikingern und Europäern die spektakulärsten und bekanntesten Ereignisse des WikingerZeitalters darstellen, spielte sich die wahre Geschichte jener Zeit in den großen Hallen des Nordens ab. Sie waren die Brennpunkte der frühmittelalterlichen skandinavischen Geographie der Macht. Jede Halle war das Zentrum der Ehre, des Wertes, des Rufs ihres Häuptlings, der Fokus seiner Welt, der Ort seiner Macht. Hrothgar, der legendäre König der Dänen, residierte in Heorot, einer besonders großartigen Halle - jedenfalls in der Vorstellung des im Zeitalter der Wikinger wirkenden Beowulf-Dichters. Als die schwedischen Krieger des Titelhelden Beowulf sich in freundschaftlicher Absicht Heorot nähern, sind sie unendlich beeindruckt von dieser riesigen, grandiosen, in der ganzen Welt berühmten Halle. Hrothgar hatte sie bauen lassen, auf dass sein Ruhm wachsen und auf immer groß bleiben möge. Der Dichter betont die vortreffliche Großartigkeit von Heorot, die Hrothgars Prahlen Legitimität verschafft und eine Grundlage seiner Macht bildet. Genau das wurde mit dem Bau einer Halle bezweckt, eines Bauwerks, das beeindruckte, einem weithin gerühmten Ort, zu dem Krieger strömten, um an der Gastfreundschaft und Freigebigkeit des Häuptlings und Erbauers der Halle teilzuhaben. In ganz Nordeuropa ließen die Häuptlinge solche Hallen bauen. Archäologen haben die Überreste von Dutzenden gefunden, was uns Zeugnis davon gibt, wie viele Warlords im frühmittelalterlichen Skandinavien nach Macht strebten. Jeder Häuptling hielt seine Halle in hohen Ehren, er ließ sie so groß und hoch wie nur irgend möglich bauen und ließ sie schmücken - vielleicht nicht immer mit Gold wie das erdichtete Heorot, aber doch zumindest mit bemalten Schnitzereien, Waffen und anderem Zierrat. Die Hallen skandinavischer Häuptlinge sind die größten Bauwerke, die wir aus dem frühmittelalterlichen Nordeuropa kennen. Mit Ausmaßen von 48,5 mal 11,5 Metern war die Halle von Lejre auf der dänischen Insel Seeland von allen die größte. Abgesehen von einigen wenigen Holzüberresten am Boden einiger Pfostenlöcher ist von dem Gebäude, dem ganzen Stolz seines Häuptlings, nichts erhalten, abgesehen nur von dem Abdruck des Fundaments in der dänischen Erde. Doch reicht dieser Abdruck aus, um die Dimensionen der Halle und ihre massive Bauweise zu erschließen: Kräftige Holzbalken stützten das Dach, die Wände waren 15 cm dick und bestanden aus Brettern aus alten Bäumen. Eine große Halle musste ein weiträumiges, eindrucksvolles Bauwerk sein. Archäologen kamen zu dem Schluss, dass das Dach der Halle von Lejre mindestens zehn Meter Höhe erreichte. Es wurde gestützt von zwei Säulenreihen im Inneren und von Säulen in den Wänden, die verstärkt wurden von 22 Brettern auf jeder Seite im Abstand von 1,5 Metern. In der Mitte des Gebäudes waren zwei Dachpfostengruppen ausgelassen, wodurch ein großer Innenraum von rund 9,5 Quadratmetern entstand, auf dessen einer Seite sich die zentrale Feuerstelle befand. Dieser offene Raum war entscheidend für die politische Macht des Häuptlings von Lejre. Sein thronartiger Stuhl - der hohe Sitz - stand hier, er war reich mit Holzschnitzereien verziert und sehr wahrscheinlich auch bemalt. Die skandinavischen Kunsthandwerker im Zeitalter der Wikinger waren Meister der Schnitzkunst. Im norwegischen Oseberg wurden in einem Grabhügel Möbelstücke gefunden, die unglaublich gekonnt gearbeitete Drachen mit großen, stilisierten Augen enthielten; die ineinandergreifenden Beine der Tiere bilden ein fein ausgearbeitetes Flechtmuster. Um den Häuptling herum konnten seine Krieger auf Bänken sitzen - der Dichter des Beowulf bezeichnete sie als 'Met-Bänke' - und die Gastfreundschaft ihres Anführers genießen, was sicher eine Menge Met bedeutete, aber auch erlesenere Getränke sowie Speisen und Unterhaltung. Hier fanden sich die Überfallbanden der Wikinger erstmals als Gemeinschaften von Kriegern unter der Führung eines Häuptlings ein. Bande der Treue, der Kameradschaft und der Freundschaft wurden hier geknüpft, Blutsbrüderschaften begründet und Solidaritätseide geschworen. In der Methalle kamen Scharen von skandinavischen Kriegern zusammen, tranken und feierten gemeinsam und ließen es sich gutgehen. Sie waren tief beeindruckt von der Großzügigkeit und dem Reichtum des Häuptlings. Wie es bei Trinkgelagen unter Männern häufig geschieht, stand am Ende eine Verstärkung des Gemeinschaftsgefühls und der Treue zu ihrem Anführer. So wie die Halle des Wikinger-Häuptlings der Ausgangspunkt für die Überfälle der Wikinger auf Europa war, so nehmen wir die Halle als Ausgangspunkt unserer Erkundung der Geschichte des WikingerZeitalters. Hier kommen sämtliche Geschichtsstränge zusammen Politik, militärisches Können, Handel, Ackerbau, Forschung, Religion, Kunst, Literatur und vieles mehr -, und wir werden diesen Strängen bis in die frühmittelalterliche Welt hinein folgen, was uns an exotische Orte wie Choresmien in Zentralasien und Neufundland in Amerika, nach Sevilla in Südwestspanien und ans Weiße Meer am nördlichen Rand Russlands verschlagen wird. Denn die Wikinger - von den Europäern als ein unbeschreibliches Übel vom Ende der Welt in Erfüllung biblischer Prophezeiungen empfunden waren in Wirklichkeit tief in die Struktur der frühmittelalterlichen europäischen Gesellschaft eingebettet. Nach wie vor faszinieren uns die Wikinger und die Geschichten ihrer heldenhaften Fahrten. Wilde Barbaren mit Hörnerhelmen, funkelnden Schwertern und scharfen Äxten, die über Lindisfarne, Hamburg, Paris, Sevilla, Nantes und viele andere Orte herfallen, um abzuschlachten, zu plündern, zu vergewaltigen, zu vernichten, Königreiche zu stürzen und Europa zu verheeren: Die Wikinger regen unsere Phantasie an. In unserer Vorstellung töten und verstümmeln sie ohne Rücksicht auf Alter, Geschlecht oder gesellschaftlichen Status. Wir sehen Supermänner in ihnen, übersteigert brutale Kämpfer, gewalttätig um der Gewalt willen, Anhänger merkwürdiger heidnischer Religionen, die unter grausamsten Umständen blutige Opfer forderten. Da wir als Gesellschaft nach wie vor ein belastetes und komplexes Verhältnis zur Gewalt haben, fesseln uns die Wikinger und stoßen uns zugleich ab. Einerseits empfinden wir Mitleid mit den hilflosen Opfern und wollen von all der sinnlosen Schlachterei am liebsten nichts wissen, andererseits können wir nicht umhin, ihre Stärke, ihren Mut und ihre Männlichkeit zu bewundern. Doch die Wikinger stehen auch für ein ganz unzweideutig positives Bild: Wir stellen sie uns gern als jugendliche, mutige Abenteurer vor, die sich der Erkundung ferner Länder verschrieben haben. Die Wikinger sind für uns begnadete, furchtlose Entdecker, die fünfhundert Jahre vor Kolumbus den Atlantik überquerten. Auf der anderen Seite Europas befuhren sie die Flüsse Russlands, entdeckten Handelsrouten über Land nach Zentralasien und ins Arabische Kalifat und stellten über die Seidenstraße eine Verbindung zu China her. Die neuen Handelsrouten trugen dazu bei, dass sie als Händler und Kaufleute ein Vermögen machten. Trotz ihres Hangs zur Gewalt bleibt der Ruf der Wikinger überwiegend positiv, und ihr Bild wird zu Werbezwecken und als Metapher in immer abenteuerlicheren Kontexten ständig verwendet. Mit den Wikingern zusammenhängende Markenbezeichnungen werben für Heringe, Kabeljau, Flusskreuzfahrten, Computerspiele, Kücheneinrichtungen, Heimwerkergeräte und die NFLFußballmannschaft von Minnesota. Ein weitverbreitetes Datenübertragungssystem trägt den Namen eines berühmten Wikingerkönigs, und viele Bands - vor allem offenbar solche, die der einen oder anderen Heavy-Metal-Richtung angehören - leiten ihren Namen von nordischer Kultur und Überlieferung ab. Spielfilme, Fernsehserien und Dokumentationen über Wikinger ziehen gewaltige Zuschauermengen an, und College-Kurse über Themen, die mit Wikingern zusammenhängen, stoßen bei den Studenten meist auf ein unvergleichliches Interesse. Wikinger faszinieren, und sie verkaufen sich gut. Sie evozieren eine attraktive Mischung aus Männlichkeit, St...

Anschaulich und mit großem Erzähltalent schildert Anders Winroth die Lebenswelt der Wikinger. Zugleich zeichnet er ein umfassendes, farbiges Bild einer der stür­mischsten Epochen des Abendlandes, in der die Räuber aus dem Norden das Gesicht Europas veränderten. Nach wie vor haben die Wikinger einen lebhaften Einfluss auf unsere Phantasie: Sie brandschatzten und trieben Sklavenhandel. Doch es gab auch friedliche Ansiedlungen, und sie entwickelten ein weit aus­greifendes Handelsnetzwerk. In ihren starken, schnellen Schiffen lie­ßen sie ihre Heimatländer weit hinter sich zurück - nicht nur um zu plündern, sondern auch aus reiner Entdeckerlust. Anders Winroth schreibt gegen die gängigen Mythen an, untersucht jeden wichtigen Aspekt dieses aufregenden Zeitalters und stellt so den Innovations­geist und schieren Wagemut der Wikinger dar, ohne ihr destruktives Erbe zu beschönigen. Zugleich enthüllt er, wie sich Kunst, Literatur und religiöses Denken der Wikinger auf eine Art und Weise entwi­ckelten, die in Europa einzigartig dasteht: eine ebenso unterhaltsame wie umfassende Darstellung einer Gesellschaft, die weitaus moderne­re Züge trägt, als man vermuten möchte.

Autorenporträt

Anders Winroth studierte Geschichte an der Universität von Stockholm und wurde 1996 an der Columbia University promoviert. Von 1996 bis 1998 war er 'Sir James Knott Research Fellow' an der University of Newcastleupon-Tyne. 2003 wurde er Fellow der McArthur-Foundation (Genius Grant). Seit 2004 lehrt er als Professor mittelalterliche Geschichte an der Yale University.

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