Krankheit und Zeit

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Eine Philosophie der Medizin

ISBN: 3958533663
ISBN 13: 9783958533660
Autor: Imhof, Michael
Verlag: Pabst Science Publishers
Umfang: 308 S.
Erscheinungsdatum: 25.01.2018
Auflage: 1/2018
Format: 2.2 x 24.5 x 17.9
Gewicht: 733 g
Produktform: Gebunden/Hardback
Einband: Gebunden
Artikelnummer: 3712995 Kategorie:

Beschreibung

"Wenn Ordnungen zerfallen, entsteht normalerweise Chaos. Komplexe evolvierende Systeme durchschreiten Phasenübergänge von chaotischen Zuständen, die sich anschließend zu neuen Ordnungsstrukturen stabilisieren können. Chaos und Ordnung stehen somit in biologischen Systemen in einem inneren Zusammenhang, wie auch Krankheit und Gesundheit in einem inneren Zusammenhang stehen. Die optimale Funktion von evolutiven Systemen ist essentiell mit einer bestimmten Fehlerrate in ihren Prozessstrukturen verknüpft. Aus dem Pool einer begrenzten Anzahl von Fehlermöglichkeiten bzw. Mutationen erschließt sich die Fähigkeit zu Änderungen der Systemzustände im Hinblick auf Optimierung und Gewinn an Informationen. Überschreitet die Fehlerhäufigkeit jedoch einen bestimmten Schwellenwert, so kann daraus die Gefahr einer Fehlerkatastrophe mit einem Zusammenbruch des Systems als Ganzem resultieren. Lebende Systeme evolvieren also über die Generierung von fehlerhaften Informationen, die als Startpunkt zur Optimierung, gleichfalls aber auch als Startpunkt zur Fehlfunktion des Systems als Ganzes fungieren können. Krankheiten sind somit aus komplexen evolvierenden Systemen des Lebens nicht hinweg zu denken: Sie sind vielmehr für deren dynamische Funktion von grundlegender Bedeutung. Krankheiten fungieren als Scharniere zu neuen und reicheren Informationen in der Ontogenese des Individuums und darüber hinaus im Kontext der evolutiven Informationsbildung überhaupt. Aus ihrem Schwingkreis heraus kann ein größer gewordener Informationspool des Individuums, ja einer gesamten Art resultieren." "Jeder Organismus ist ein fließendes dynamisches System. In diesen Systemen werden laufend neue Enzyme, Strukturproteine, Lipide und Zellen neu synthetisiert und wieder abgebaut. Die genetische Information wird zunächst in die richtige Proteinsequenz umgelesen (Translation). Werden solche Gene alteriert, die das Wachstum und das Teilungsverhalten von Zellen kontrollieren, so kann sich daraus ein bösartiger Tumor entwickeln. Ein unkontrolliertes Wachstums- und Teilungsverhalten dieser entarteten Zellen ist die Folge. Einerseits weisen bösartige Tumoren die wesentlichen Eigenschaften der Evolution auf, nämlich die Eigenschaften der Reproduktion, Vererbung und der genetischen Vielfalt. Die zeitliche Dynamik einer wachsenden Krebsgeschwulst ist durch den Wegfall von regulierenden und prozessstabilisierenden Rückkopplungsmechanismen und damit durch den Wegfall von Gedächtnisfunktionen gekennzeichnet. Krebszellen und gesunde Zellen unterscheiden sich durch ihre intrinsischen Zeitstrukturen. Unter dem Mikroskop sind bezüglich der Morphologie von Krebszellen Verluste an Differenzierungseigenschaften typisch: Sie verfügen über eine geringere Reichhaltigkeit an Informationen und damit auch an Form. Nach von Weizsäcker ist das Formlose das Wahrscheinliche. Die Proliferationsdynamik von Krebszellen entlang einer Zeitachse ist auf einen Zustand höherer Entropie und niedriger Ordnung hin ausgerichtet und läuft damit dem für lebende Systeme grundlegenden Schrödinger-Prinzip "Ordnung aus Ordnung" entgegen. Krebszellen sind somit durch eine Umkehr des Zeitpfeils von der Reichhaltigkeit der Form zum Verlust an Form gekennzeichnet. Ihre malignen Eigenschaften gehen aus veränderten inneren Zeitstrukturen hervor."

Vor dem Hintergrund des aktuellen Weltverständnisses der Physik und Biologie reflektiert Michael Imhof das Thema Krankheit. Den Begriff der Zeit postuliert er sensu Albert Einstein. "Krankheit und Tod sind notwendige Bedingungen einer Evolution des Lebens. Das Leben will sich vom Einfachen zum Komplexen in die ihm eigenen Räume an Zeit entwerfen. Ein Fortschreiten der Zeit ist nicht ohne Symmetriebrüche der inneren Zeitstrukturen des individuellen Lebens sowie des Lebens in seiner Gesamtheit möglich," formuliert Imhof. "Krankheiten sind mehr als pathologische Befunde, sie sind mehr als verschlossene Adern und geplatzte Därme. Krankheiten sind Muster und Spuren einer größeren, einer umgreifenden Lebenswirklichkeit." Die moderne Physik legt nahe, dass diese Wirklichkeit primär nichtstofflich ist. Als Arzt adressiert Michael Imhof seine Kollegen: "Die Medizin denkt und wirkt zwischen Skepsis und Hybris. Die Ohnmacht sollte die dauernde Wunde der Ärzte sein - nicht die Hybris einer technischen Vervollkommnung. Eine Medizin ohne die Erkenntnis eigener Ohnmacht wird zum Moloch, der sich an Krankheit und Leiden gütlich tut, indem er die Würde und Wirkmächtigkeit des Todes auf bizarre Weise verleugnet." Michael Imhof bezieht sich immer wieder auf Nicolai Hartmann, Carl Friedrich von Weizsäcker und eine Vielzahl weiterer Philosophen. Dennoch ist seine Philosophie ein eigenständiger, umfassender Entwurf einer Medizinphilosophie - vom Molekül bis zum Versuch einer Semantik der Krankheit. Sowohl für die theoretische Medizin als auch die Naturphilosophie bietet das Buch eine wertvolle, inspirierende Bereicherung.

Herstellerkennzeichnung:


Pabst Science Publishers
Eichengrund 28
49525 Lengerich
DE

E-Mail: wp@pabst-publishers.com

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