Beschreibung
Einleitung "The fetish of today is neither royalty nor religion. [] The sacrosanct fetish of today is science." "Japan takes the lead over all of the countries of the world" schrieb der Ostasienkorrespondent des Los Angeles Herald, Frederic Haskin, 1909. Haskin bezog sich hier nicht auf die politische oder wirtschaftliche Stärke Japans, die trotz der beschleunigten Industrialisierung und der militärischen Triumphe über China (1895) und Russland (1905) im internationalen Vergleich hinter den westlichen Weltmächten zurückblieb. Mit dieser Aussage verwies er auf neuartige diplomatische Strategien der Meiji-Außenpolitik, deren informelle Methoden er als derart progressive und innovativ bewertete, dass er selbst ausgewiesenen Experten der internationalen Diplomatie Kenntnisse hierüber absprach. Haskin nahm konkret Bezug auf die jahrzehntelange Beeinflussung der westlichen Japanberichterstattung vor und um 1900, in deren Rahmen das japanische Außenministerium zahlreiche Agenten informell beauftragte, in europäischen und U.S.-amerikanischen Medien zu vorgegebenen Themen zu publizieren. Diese Agenten wurden, wie die vorliegende Studie nachweist, zu großen Teilen aus den Reihen der ausländischen Berater im Dienst der Meiji-Regierung engagiert. Mit innovativen Strategien, die neue poltische Einflussfaktoren wie Öffentlichkeit und Wissenschaft einbezogen, suchte die Meiji-Regierung das Problem der politisch-wirtschaftlichen Diskriminierung Japans im Kontext des informellen Imperialismus in Ostasien zu lösen, dessen Strukturen auf einer Spaltung diplomatischer Rhetorik von informellen Agenden gründeten. Die Revision der ungleichen Handelsverträge, die die USA und zahlreiche europäische Regierungen Japan zwischen 1854 und 1867 unter militärischen Drohungen aufzwangen, war das zentrale Motiv, nach welches hin die Meiji-Innen- und Außenpolitik vor der Jahrhundertwende orientiert war. In Antwort auf die vertragsrechtlichen Bestimmungen und mit dem Ziel, Japan wirtschaftlich und militärisch zu stärken, reformierte die Meiji-Regierung die japanische Gesellschaft entlang ökonomisch-rechtlicher Standards des Westens. Im Zuge der Integration Japans in die westliche Weltordnung antworteten japanische Verantwortliche auch auf die machtpolitischen Implikationen dieser Weltordnung. So waren, anders als Haskin es einschätzte, Methoden indirekter Politik, die auf die Trennung von öffentlicher Repräsentation und informellen Agenden aufbauten, kein japanisches Novum. Die vorliegende Studie erörtert, wie viele in den informellen Imperialismus in Japan bzw. Ostasien involvierte Regierungen die ausländischen Berater im Dienst der Meiji-Regierung inoffiziell für diplomatische Zwecke einspannten und vermittels der wissenschaftlichen Autorität der Experten die Legitimität politischer Vorgänge zu erhöhen suchten. Das im Rahmen der akademischen Professionalisierung stilisierte Ideal der reinen Wissenschaft, das implizierte, dass Wissenschaftler unparteiisch und objektiv urteilten, übertrug sich auf die Sozialfigur des Experten und bestimmte deren öffentliches Profil, auch wenn Experten politischen oder wirtschaftlichen Agenden zuarbeiteten. Mithilfe des akademischen Renommées der Experten erweiterten politische Akteure imperialpolitische Handlungsräume vor allem dort, wo die Legitimität imperialpolitischer Agenden in Frage stand und suggerierten Vertrauen in einer durch machtpolitische Antagonismen erhöhten Misstrauensatmosphäre, die die diplomatischen Handlungsbedingungen im Kontext des informellen Imperialismus in Japan bzw. Ostasien prägte. Die ungleichen Verträge und das Oyatoi-gaikokujin-System Die nachteiligen Bestimmungen der "Freundschafts- und Handelsverträge", die die Tokugawa-Regierung mit zahlreichen westlichen Staaten 1854-1867 schloss, führten zu intensiven innenpolitischen Auseinandersetzungen mit der Frage, welchen politischen Kurs Japan einschlagen solle. Mit den Verträgen wurden mit Militärreichweiten bemessene internationale Machtasymmetrien in rechtliche Kodifikationen übersetzt und hierdurch ein langfristiges Asymmetrieverhältnis Japans zu den Vertragsmächten begründet. Das AnseiVertragssystem bedingte die wirtschaftliche und politische Benachteiligung Japans durch (1) ungleiche Tarifbestimmungen, (2) den Zwang zur Öffnung von Handelshäfen, wo (3) die residierenden ausländischen Händler einen exterritorialen Status besaßen und somit unter dem Schutz von Konsulatsgerichten, die die westlichen Handelsinteressen stützten und parteilich waren, standen. Schließlich wurde die Souveränität Japans dadurch beschnitten, dass (4) japanischen Verantwortlichen individuelle Verhandlungen mit Vertragspartnern durch die Meistbegünstigungsklausel verwehrt wurden, was den einflussreichsten Vertragsmächten erlaubte, das Vertragssystem und darin begründete asymmetrische Bedingungen nach ihrem Ermessen aufrechtzuerhalten. In der Auseinandersetzung mit der Frage, wie man die politisch-wirtschaftliche Diskriminierung Japans überwinden könne, spalteten sich die politischen Lager, wobei die reformorientierten Gegner des Tokugawa-Sh?gunats Oberhand gewannen und mit einem politischen Umsturz das Kaisertum wiedereinsetzten. Um die Verträge so schnell wie möglich revidieren zu können, machte die neue Regierung im Rahmen der Meiji-Reformation 1868 die internationale Öffnung Japans zu einer Maxime und integrierte Japan sukzessive in die westliche Weltordnung, während die außenpolitischen Bindungen an das sinozentrische Weltsystem, das sich im Kräftevergleich mit dem Westen als unterlegen erwies, gelöst wurden. Im Zuge eines extensiven Reformprogramms zentralisierte die Meiji-Regierung die politische Ordnung, reformierte japanische Gesellschafts-, Wirtschafts- und Rechtsinstitutionen entlang westlicher Modelle, verkündete 1889 eine nationale Verfassung und realisierte Imperialagenden in Ostasien. Für die effektive Umsetzung des Reformprogramms akquirierte die Meiji-Regierung auf vielfachen Wegen Spezialwissen zu umfassenden Themengebieten. Neben der Übersetzung von Standardwerken westlicher Gesellschaftstheorie und dem Studium japanischer Entscheidungsträger und Studenten in Europa, war das Oyatoi gaikokujin-System (jap.: ausländische Angestellte) ein zentraler Kanal des Wissenserwerbs. Im Rahmen dieses Systems heuerte die Meiji-Regierung zwischen 1868 und 1912 ca. 2.500 Arbeitskräfte überwiegend aus dem Westen an. Etwa ein Fünftel dieser Oyatoi waren hochqualifizierte Experten, die als Berater der Ministerien Reformen assistierten, Bauprojekte leiteten oder als Professoren an den Universitäten Studenten unterrichteten und für die effektive und effiziente Umsetzung der Meiji-Reformagenden von hoher Bedeutung waren. Für ihre Arbeit in und für Japan erhielten die Experten-Oyatoi im Vergleich zu westlichen Standards doppelt bis dreifach hohe Gehälter und es waren gerade diese Spezialisten, deren Arbeitsverträge oft nach Ablauf der üblichen Dauer von drei Jahren verlängert wurden. Experten wie der deutsche Rechtsprofessor Hermann Roesler (in japanischem Dienst von 1878-1893), der britische Marineingenieur Francis Brinkley (1867-1912) oder der U.S.-amerikanische Diplomat Durham W. Stevens (1883-1908) waren Jahrzehnte, teilweise ein halbes Leben lang für die Meiji-Regierung tätig. Während solche langjährigen sachverständigen Angestellten aufgrund tiefergehender Kenntnisse Japans, persönlicher Beziehungen zur Meiji-Elite und nicht zuletzt aufgrund der hohen Gehälter, jene projapanischen Loyalitäten aufbauten, die den Meiji-Strategen dazu verhalfen, Experten-Oyatoi für informelle außenpolitische Dienste vertrauensvoll einsetzen zu können, nutzten umgekehrt auch westliche Diplomaten Oyatoi als inoffizielle Agenten, um Einflussnahmen zu erwirken, die den Diplomaten im Rahmen der vertraglichen Freihandelslogik verwehrt waren. Solche informellen politischen Oyatoi-Dienste, die diese Studie zum Gegenstand hat, wurden von der For-schung bisher noch nicht systematisch erfasst. Die Forschung zu...
Autorenporträt
Kristin Meißner, Dr. phil., promovierte an der FU Berlin.
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E-Mail: info@campus.de




































































































