Imperiale Grenzräume

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Bevölkerungspolitiken in Deutsch-Südwestafrika und den östlichen Provinzen Preußens 1884-1914

ISBN: 3593503107
ISBN 13: 9783593503103
Autor: Lerp, Dörte
Verlag: Campus Verlag in der Beltz Verlagsgruppe
Umfang: 385 S.
Erscheinungsdatum: 15.11.2016
Auflage: 1/2016
Format: 2.3 x 21.4 x 14.3
Gewicht: 496 g
Produktform: Kartoniert
Einband: Kartoniert

Deutschland gehört zu den wenigen Kolonialmächten des 19. Jahrhunderts, die sowohl eine Expansionspolitik in Afrika und Asien als auch in angrenzenden Territorien des Kaiserreichs verfolgten. Mit der Kolonie Deutsch-Südwestafrika und den östlichen Provinzen Preußens nimmt Dörte Lerp erstmals zwei dieser imperialen Grenzräume vergleichend in den Blick. Sie zeigt auf, dass es durchaus Parallelen zwischen den Bevölkerungspolitiken in beiden Regionen gab. Zudem verweist Lerp auf die Besonderheiten der jeweiligen Regionen, insbesondere auf den unterschiedlich ausgeprägten Rassismus. Dadurch trägt das Buch maßgeblich zur Integration von Kolonialgeschichte und innereuropäischer Geschichte bei.

Artikelnummer: 7510195 Kategorie:

Beschreibung

1. Einleitung "Rather than poising an antagonism between Germany's continental and overseas expansionism, we should see them as two complementary, interrelated, and often ambivalent developments in the history of German expansionism". Wer um 1900 vom "deutschen Reich" sprach, konnte damit auf sehr unterschiedliche Dinge verweisen: auf den 1871 gegründeten Nationalstaat, der sich in mit dieser Namensgebung in die Tradition des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation zu stellen suchte, auf eine Ansammlung von Kolonien in Afrika und im Pazifik, die unter deutscher Herrschaft standen oder gar auf jene "Phantasmagorie eines diffusen kontinentalen Großreichs" in Mittel- und Osteuropa, die im Verlauf der nächsten Jahrzehnte die deutsche Politik entscheidend prägen sollte. Angesichts dieser vielschichtigen Semantik ist es geradezu erstaunlich, dass sich die Geschichtsschreibung lange Zeit darauf konzentriert hat, die deutsche Geschichte des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts als Geschichte eines Nationalstaats und eben nicht als die eines Reiches oder Empires zu schreiben. Warum wurden Nationalisierung und Staatsbildung, überseeische Kolonisation und der "deutsche Drang nach Osten" nicht in einen gemeinsamen imperialen Zusammenhang gestellt, wenn doch der Sprachgebrauch der Zeit eine solche Verbindung nahelegt? Eine Erklärung mag sein, dass das deutsche Kaiserreich auf den ersten Blick wenig Ähnlichkeit mit überseeischen Großreichen wie Großbritannien, Frankreich und den Niederlanden oder kontinentalen Imperien wie der Habsburger Monarchie, dem Osmanischen Reich und dem zaristischen Russland aufwies. Zwar verfügte es ab den 1880er Jahren über Kolonien in Afrika und dem Pazifik, doch existierte dieses Kolonialreich nur gut dreißig Jahre, weshalb die deutsche Kolonialgeschichte für viele Historikerinnen und Historiker bis heute eine eher unbedeutende historische Episode darstellt. Die Geschichte der kontinentalen Expansion Preußens und Deutschlands - von den polnischen Teilungen im 18. Jahrhundert, über die Annexionen Schleswig-Holsteins und Elsass-Lothringens im Zuge der Einigungskriege 1866 und 1870/71 bis hin zur Eroberung weiter Teile Osteuropas im Ersten Weltkrieg - umfasst zwar einen deutlich längeren Zeitraum, doch macht auch sie im Vergleich zu den imperialen Traditionslinien der Nachbarländer Österreich-Ungarn und Russland einen eher fragmentarischen Eindruck. Die territoriale Expansion innerhalb Europas steht zwar in einem gewissen Spannungsverhältnis zu nationalgeschichtlichen Narrativen, doch ist sie so eng mit der der Geschichte preußisch-deutscher Staatsbildung verwoben, dass sie sich scheinbar relativ problemlos in diese integrieren lässt. So erscheinen die östlichen Provinzen Preußens, Elsass-Lothringen und Schleswig-Holstein in den einschlägigen Werken zur deutschen Geschichte nicht als imperiale Expansionsräume, sondern allenfalls als "Krisenherde des Kaiserreichs". Angesichts dieser Einschätzung ist nur folgerichtig, dass die Historiographie auch die seit den 1890er Jahren lauter werdenden Forderungen nach "Lebensraum im Osten" oder einem von Deutschland dominierten "Mitteleuropa" in erster Linie als Auswüchse eines übersteigerten Nationalismus interpretiert. Diese Fokussierung auf die deutsche Nationalgeschichte wird inzwischen seit einigen Jahrzehnten von einer Reihe unterschiedlicher Forschungsrichtungen in Frage gestellt. Zu nennen sind hier vor allem die primär auf innereuropäische Verbindungen konzentrierte Vergleichs-, Verflechtungs- beziehungsweise Transfergeschichte oder auch Histoire croisée, die von den Postcolonial Studies inspirierte Kolonialgeschichte und die neue Globalgeschichte. Sie alle vereint eine fundamentale Kritik am Zentrismus der Nationalgeschichte, die "[d]ie Ränder, Grenzen und Grenzräume, die Peripherie des Gegenstandes - die Nation - mit ihren nationalen beziehungsweise ethnischen Minderheiten, mit ihren oft komplexen lokalen Machtverhältnissen und hybriden Kulturen [] unberührt und unbeschrieben [lässt]". Eben jene Grenzräume und Peripherien, Minderheiten und hybriden Kulturen sind daher in den letzten Jahren vermehrt Gegenstand historischer Untersuchungen geworden. Dabei sind auch die deutschen Kolonien und Grenzregionen Deutschlands zu Polen und Frankreich stärker in den Blick geraten. Analysen, die die kontinentale und überseeische Expansion des Deutschen Kaiserreichs systematisch miteinander in Beziehung setzen, stellen jedoch immer noch eine Ausnahme dar. Obwohl schon vor einigen Jahren programmatische Aufsätze erschienen sind, die eine solche "Neuorientierung" einfordern, sind bisher erst wenige Untersuchungen publiziert worden, die diesen Ansatz verfolgen. Der Mangel an Publikationen zur kontinentalen und kolonialen Expansion des Kaiserreichs ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass der Fokus der Kolonialgeschichtsschreibung bislang primär auf außereuropäischen Regionen lag. Erst in letzter Zeit sind auch koloniale und quasi-koloniale Herrschaftsverhältnisse innerhalb Europas in den Blickpunkt der Geschichtswissenschaft geraten. Die Geschichte der Grenzregionen des Kaiserreichs, insbesondere die der östlichen Teile Preußens, wurde dagegen meist im Kontext der deutsch-polnischen Beziehungsgeschichte interpretiert. Die dementsprechenden Studien richteten sich entweder auf die polnische Bevölkerung als "ethnische", religiöse und politische Minderheit innerhalb des deutschen Nationalstaats oder auf den Antagonismus zwischen deutscher und polnischer Nationalbewegung. Auch hier hat in den letzten Jahren ein Wandel eingesetzt und Forscherinnen und Forscher stellen sich nun der Frage, inwieweit auch die preußisch-deutsche Herrschaft über Teile Polens und ab 1915 weitere Gebiete Osteuropas koloniale Züge trug. Doch auch diese Arbeiten wagen den direkten Vergleich mit der "offiziellen" Kolonialpolitik des Kaiserreichs in Afrika und Übersee nicht. Meine Arbeit schließt an diese jüngsten Ansätze an, geht jedoch insofern über sie hinaus, als dass sie die überseeische und kontinentale Expansion des Kaiserreichs direkt miteinander in Beziehung setzt. Sie ist somit Teil einer imperialen, transnationalen Geschichte des Kaiserreichs, mit der ich zur Integration von Kolonialgeschichte und innereuropäischer Geschichte beitragen möchte. Die Arbeit nimmt die semantische Vielfalt des Reichsbegriffs zum Ausgangspunkt, um nach den möglicherweise versteckten oder begrabenen Verbindungslinien zwischen kontinentaler und überseeischer Expansion zu fragen. Sie folgt damit der eingangs zitierten Aufforderung Pascal Grosses, diese beiden Phänomene als "komplementäre, miteinander verbundene und oftmals ambivalente Entwicklungen" wahrzunehmen. Im Fokus stehen dabei zwei Regionen, an denen sich das Verhältnis von kontinentaler und überseeischer Expansion besonders gut aufzeigen lässt: die östlichen Provinzen Preußens (Posen, Westpreußen, Ostpreußen und Schlesien) und die Kolonie Deutsch-Südwestafrika. Die deutsche Herrschaft über diese beiden "Grenzräume des Kaiserreichs" und die in ihnen lebenden Bevölkerungen wies gewisse parallele Strukturen auf, was eine gemeinsame Analyse besonders lohnenswert macht. Dabei richtet sich mein Fokus besonders auf jene Politiken, die darauf abzielten mit Hilfe neuer oder umgestalteter Raumordnungen auf die Bevölkerungen der beiden Regionen - ihre Zusammensetzung, Interaktion und Mobilität - einzuwirken. Dieses Buch verfolgt demnach die Frage, ob es Verbindungslinien zwischen den Raum- und Bevölkerungspolitiken des Kaiserreichs in den östlichen Provinzen und in Deutsch-Südwestafrika gab und falls ja, wie diese aussahen. Parallele Entwicklungen sollen hierbei ebenso betrachtet werden wie Wechselwirkungen und Transfers. Jürgen Osterhammel warnt davor, "alles, was sich selbst als Reich oder Imperium bezeichnet, über einen Kamm zu scheren". Auf der anderen Seite räumt er jedoch ein, dass die gemeinsame Betrachtung unterschiedlicher Grenzregionen oder Frontiers, "...

Autorenporträt

Dörte Lerp ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für die Geschichte Europas und des europäischen Kolonialismus an der Universität zu Köln.

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Beltz Verlagsgruppe GmbH & Co. KG
Werderstr. 10
69469 Weinheim
DE

E-Mail: info@campus.de

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