Beschreibung
1. Einleitung Im September 2014 fand die jährliche Generalversammlung der Vereinten Nationen in ihrem Hauptsitz in New York statt. Wie jedes Jahr war dieser internationale Ort von Delegierten aus aller Welt stark frequentiert. In den Versammlungssälen hielten die Teilnehmerinnen unzählige Reden, gaben Statements ab und verabschiedeten Resolutionen oder Deklarationen. Hinter verschlossenen Türen diskutierten sie intensiv und ließen ihr diplomatisches Geschick spielen. Sitzungspausen wurden genutzt, um Kontakte zu schließen oder aufzufrischen. An zwei Tagen, dem 22. und 23. September, war vieles genauso und doch einiges anders: Anstatt grauer Anzüge und Kostüme, die nur vereinzelt durch Kleidungsstücke in bunten Farben unterbrochen wurden, trugen Anwesende Federn, Felle, Blumenkränze, bunt gemusterte Gewänder oder auch nackte Oberkörper mit auffälligen Tätowierungen. In ihren Händen waren neben Mobiltelefonen und Notebooks auch Speere oder andere traditionelle Insignien zu sehen. Die Konferenz wurde nicht durch eine Rede, sondern durch ein Ritual eröffnet. Musikalische und tänzerische Darbietungen wurden auf der Bühne internationaler Politik zu Gehör und Gemüt gebracht, und Redner sprachen ihr Publikum - und damit auch mich, die das Geschehen während eines Feldaufenthaltes in New York teilnehmend beobachtete - konsequent als "Brüder und Schwestern" an. Wenngleich sich die Anwesenden mit Blick auf Hautfarbe, Gesichtszüge, Sprache, Bekleidung und kulturelle Praktiken unterschieden, bildeten sie, vor der Vergleichsfolie der "diplomatischen Normalität", eine kontrastreiche Einheit. Dennoch taten sie größtenteils das, was auch ihr Gegenüber tat: reden, zuhören, aushandeln, Kontakte knüpfen. Die Kombination von diplomatischer Normalität und "unerwarteten" Körpern, Artefakten und Praktiken verweist auf ein besonderes Ereignis: Erstmalig fand im Rahmen der Generalversammlung eine UN-Weltkonferenz über und mit den indigenen Völkern der Welt statt. Auf der Agenda der internationalen Gemeinschaft standen zwei Tage lang kulturell distinkte Völker, die, so das zeitgenössische Konzept, Kontinuität mit den frühesten Bewohnern eines Gebietes aufweisen, noch immer eine besondere Beziehung zu dem Land ihrer Ahnen pflegen, sich selbst als "indigen" begreifen und im dominanten Nationalstaat vielfältige Diskriminierungen erlitten oder erleiden (vgl. etwa UN Doc. ST/ESA/328). Indigene waren sowohl in den Vorbereitungsprozess als auch in den Ablauf der Konferenz auf eine bisher nicht da gewesene Art und Weise einbezogen - sie waren nicht nur Thema, sondern auch Teilnehmer der Konferenz und traten als Experten ihrer selbst auf. Während Weltkonferenzen in der Regel trotz breiter zivilgesellschaftlicher Teilnahme letztlich internationale Konferenzen sind und ausschließlich Staatenvertreter den Wortlaut des Abschlussdokumentes aushandeln und dieses auch unterzeichnen (vgl. etwa Schechter 2005), waren im Falle der Indigenenkonferenz erstmals auch indigene Repräsentantinnen an dem Drafting des Abschlussdokuments beteiligt und nahmen aktive Rollen im Konferenzgeschehen wahr (vgl. etwa Bellier/González-González 2015; Morrison 2014). Die "Welt der Staaten" wurde mit einer "indigenen Welt" konfrontiert - Delegierte vertraten nicht nur die über 190 Staaten, sondern auch die geschätzt mehr als 5.000 Völker in etwa 90 Ländern der Erde. Organisiert hatte sich diese "indigene Welt" bereits im Vorfeld auf der Grundlage von sieben geopolitischen Regionen - Afrika, Arktis, Asien, Lateinamerika und Karibik, Nordamerika, Pazifik und Russland. Sie hatten sich, zusammen mit Gremien für Frauen und Jugend, zu einer Global Coordinating Group (GCG) zusammengeschlossen. Um die offizielle Konferenz vorzubereiten, fanden indigene Konferenzen in allen Regionen sowie eine globale Vorbereitungskonferenz im norwegischen Alta statt, aus der eine gemeinsame Abschlusserklärung hervorging. Wenngleich der indigene Einfluss nicht so weit ging, wie viele Aktivisten gefordert hatten, und einige sogar mit einem Boykott der Konferenz gedroht hatten, war das Konferenzgeschehen durch die Präsenz einer indigenen Welt geprägt. Während die Plätze der Regierungsvertreter teilweise nur spärlich besetzt waren, waren die für indigene Beobachter und Repräsentantinnen vorgesehenen Ränge zum Bersten gefüllt. Noch kurz vor Beginn der Konferenz waren zusätzliche Ausweichräume eingerichtet worden, in die das Konferenzgeschehen live übertragen wurde, um der starken Nachfrage seitens der zivilgesellschaftlichen Akteure gerecht zu werden. Im Zentrum der Debatten standen vor allem Möglichkeiten und Strategien, um die "United Nations Declaration on the Rights of Indigenous Peoples" (UNDRIP, UN Doc. A/RES/61/295) zu implementieren. Es handelte sich hierbei um eine Erklärung genuiner, kollektiver und individueller Indigenenrechte, die die UN-Generalversammlung im Jahre 2007 nach jahrzehntelangen Verhandlungen verabschiedet hatte. Fokussiert wurden sowohl die nationalen und lokalen Ebenen wie auch die Position, die das UN-System in dem Prozess der Umsetzung und Überwachung der Rechte einnehmen solle. Weitere Schwerpunkte der Diskussion bildeten die Themenbereiche Land, Territorien und Ressourcen sowie die Prioritäten indigener Völker auf einer Agenda nachhaltiger Entwicklung. Beide verweisen auf genuine Kernanliegen der Indigenenrechtsbewegung: Landrechte gehören seit Jahrzehnten zu den zentralen Forderungen von indigenen Völkern, die sich und ihre Existenz von jeher als Symbiose mit dem "Land der Ahnen" verstehen. Das Verhältnis von nachhaltiger Entwicklung und Indigenen wird aus zweierlei Perspektiven als ein sehr enges verstanden: Auf der einen Seite sind Indigene, deren Lebensweise mit ihrer natürlichen Umwelt verknüpft ist, von den Konsequenzen nicht-nachhaltigen Wirtschaftens in besonderer Weise bedroht; andererseits werden Indigene etwa seit den 1990er Jahren verstärkt als Experten der Nachhaltigkeit interpretiert. Dies spiegelte auch Oren Lyons, indigener Aktivist und Chief des Onondaga Nation Council of Chiefs, wider, als er in seiner Rede vor dem Plenum der Konferenz vor allem die Folgen des Klimawandels beklagte. Erst gegen Ende des Beitrages teilte er seinen Zuhörern mit, dass er exakt dieselbe Rede bereits 14 Jahre zuvor vor den Vereinten Nationen gehalten habe - bisher vergeblich: "despite all of our declarations and proclamations, no matter how profound they may be, the ice is still melting in the North. [] So I urge the Assembly, I urge Member States, to listen to our voice. We are the pulse of Mother Earth. We have experience and we have a lot of knowledge, so keep our languages. The United Nations might have to call on us again" (UN Doc. A/69/PV. 4: 10f.). In der Schlusssitzung der Konferenz ergänzten die Regierungsvertreterinnen die Reihe dieser "declarations and proclamations" um eine weitere Erklärung. Einstimmig verabschiedeten sie das "Kernstück", ein größtenteils bereits im Vorbereitungsprozess zur Konferenz im Wortlaut ausgehandeltes Dokument, welches eine Selbstverpflichtung der Staatengemeinschaft im Dienste der indigenen Völker verbindlich fixiert (UN Doc. A/RES/96/2). Erleichterung machte sich im Sitzungssaal breit, der nicht nur durch verbale und non-verbale Bekundungen der Freude, sondern auch durch körperliche Dankesgesten Ausdruck verliehen wurde. Dass der kanadische Delegierte Vorbehalte gegen einige Inhalte der Deklaration zum Ausdruck brachte, wurde missbilligend zur Kenntnis genommen. Wenngleich die Inhalte des Dokuments hinter den Erwartungen der indigenen Repräsentanten zurückgeblieben sind und die Umsetzung internationaler Selbstverpflichtungen zum Wohle indigener Völker in vielen Ländern mehr als mangelhaft ist, können Einberufung und Abschlussdokument als Ausdruck der Institutionalisierung der Kategorie "indigene Völker" auf weltgesellschaftlicher Ebene interpretiert werden. Indigene finden als relevante Subdifferenzierung der Menschheit Anerkennung und treten neben Einheiten wie Fr...
Autorenporträt
Hannah Bennani, Dr. phil., ist wiss. Mitarbeiterin an der Universität Tübingen.
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