Gegengeschichten oder Versöhnung?

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Erinnerungskulturen und Geschichte der spanischen Arbeiterbewegung vom Bürgerkrieg bis zur Transición (1936-1982)

ISBN: 393904525X
ISBN 13: 9783939045250
Autor: Froidevaux, Alexandre
Verlag: Verlag Graswurzelrevolution e.V.
Umfang: 600 S.
Erscheinungsdatum: 23.11.2015
Auflage: 1/2015
Format: 5 x 20 x 13
Gewicht: 810 g
Produktform: Buch
Einband: Kartoniert

Soziale Revolution versus Konterrevolution, antifaschistischer Kampf, Unabhängigkeitskrieg – vielfältig waren die Geschichtsbilder, die sich die verschiedenen Strömungen der spanischen Arbeiterbewegung vom Bürgerkrieg (1936-1939) machten. Die innerlinken Kämpfe der Bürgerkriegszeit belasteten den Widerstand gegen die Franco-Diktatur (1939-1975). Alexandre Froidevaux legt eine übergreifende Erinnerungsgeschichte der spanischen Arbeiterbewegung und eine politische Geschichte der spanischen Linken von 1936 bis 1982 vor. Er stellt die wichtigsten Diskussionen und Entwicklungen des Antifranquismus dar und beschreibt das Zustandekommen der politischen Kompromisse der Transición, ohne die das heutige Spanien nicht zu verstehen ist.

Artikelnummer: 7111555 Kategorie:

Beschreibung

Aus der Einleitung Vieles, was in der Linken gesprochen wird, wird in Geschichte gesprochen[.]1 Mit Blick auf die lateinamerikanische Linke konstatiert der Wiener Historiker David Mayer: Sei es die Herausbildung eines eigenen Kollektivs, sei es die Legitimation der eigenen Existenz beziehungsweise des eigenen Handelns - Geschichte ist eine der Hauptwährungen, in der innerhalb der Linken Ideen und fundamentale Hoffnungen zirkulieren und in der interne Differenzen abgeglichen werden.2 Ließe sich diese Feststellung noch auf andere politische Gruppen übertragen, so sei das Alleinstellungsmerkmal der Linken, fährt Mayer fort, dass ihr Vergangenheitsbezug auf die Zukunft gerichtet sei. Durch die Rekonstruktion von Gegengeschichten würde die Möglichkeit zum politischen Wandel in der Geschichte und die prinzipielle Transformierbarkeit von Gesellschaft sichtbar und somit die Existenz der Linken als gesellschaftsverändernde Kraft legitimiert.3 Nicht von ungefähr, lässt sich anfügen, lautet ein populärer Slogan der radikalen Linken: The future is unwritten! Eine Prämisse der vorliegenden Untersuchung besteht darin, dass diese Beobachtungen für die Linke im Allgemeinen gelten. Folglich müssten sie auch auf die spanische Arbeiterbewegung und deren kollektives Erinnern an den Bürgerkrieg (1936-1939) zutreffen. Während der Transición, dem Übergang zur Demokratie in den 1970er Jahren, setzte die Sozialistische wie die Kommunistische Partei allerdings auf das Vergessen der jüngsten Vergangenheit, um die nationale Versöhnung zu erreichen. Lässt sich die Hypothese von der in Geschichte sprechenden Linken dennoch auch für Spanien verifizieren? Wie verarbeitete die spanische Linke den Bürgerkrieg in den nachfolgenden Jahrzehnten? Der Spanische Bürgerkrieg war das fundamentale Ereignis in der Geschichte des Landes im 20. Jahrhundert. In ihm bekämpften sich zwei Blöcke. Das rechte, nationalistische Lager wurde von einer Koalition aus rechtsradikalen Offizieren, reaktionären Klerikern, Großgrundbesitzern, Großbourgeois, Monarchisten unterschiedlicher Richtung, katholischen Konservativen, faschistischen Falangisten und Rechtsrepublikanern gebildet. Im linken, republikanischen Lager fanden sich die verschiedenen Strömungen der Arbeiterbewegung wieder: Anarchisten und Sozialisten, moskautreue und nichtstalinistische Kommunisten. Die soziale Basis bildeten Landproletarier und Kleinbauern, Arbeiter und Kleinbürger. Hinzu gesellten sich Linksrepublikaner und baskische wie katalanische Nationalisten.4 Zu Beginn, am 17./18. Juli 1936, stand ein Putsch antidemokratischer und antikommunistischer Generäle gegen die Zweite Republik (1931-1936/39), der ersten parlamentarischen Demokratie auf spanischem Boden von gewisser Dauer. Der Staatsstreich teilte Spanien in zwei Einflusssphären und löste den Krieg aus, der sich durch die Intervention der faschistischen Staaten Italien und Deutschland auf nationalistischer und der Sowjetunion auf republikanischer Seite schnell internationalisierte und 32 Monate dauerte. In seinem Ursprung war der Bürgerkrieg allerdings ein innerspanischer Konflikt. Neben politischen Konfliktfeldern wie dem der Stellung von Kirche und Militär in der Gesellschaft oder der Frage der peripheren Nationalismen in Katalonien und im Baskenland war der Krieg vor allem das Ergebnis eines eskalierten klassenkämpferischen Prozesses. In der republikanischen Zone gingen in Reaktion auf den Putsch Bäuerinnen und Bauern wie Arbeiterinnen und Arbeiter direkt dazu über, eine soziale Revolution einzuleiten. Mit dem Ziel, den comunismo libertario (libertärer Kommunismus) zu erringen, wurden auf dem Land und in den Städten Ländereien und Betriebe enteignet und kollektiviert.5 Für libertäre Syndikalisten, nichtstalinistische Kommunisten und viele Linkssozialisten war die Gegenwehr gegen die Faschisten und die Kirche nicht vom Kampf für die Revolution zu trennen. Reformistische Sozialisten, moskautreue Kommunisten und Linksrepublikaner standen indessen gegen die Revolution und setzten alles auf die Verteidigung der parlamentarischen Demokratie. Das linke Lager war so von Beginn an uneins, was in erheblichem Maße dazu beitragen sollte, dass der Bürgerkrieg verloren ging. Die Niederlage hatte für die Arbeiterbewegung dramatische Konsequenzen. Jegliche Option auf einen emanzipatorischen Wandel war blockiert, denn die Diktatur des Generals Francisco Franco schrieb auf Jahre hinaus den sozialen und politischen Status quo des traditionellen Spaniens fest. Die franquistischen Sieger überzogen ihre Gegner zudem mit einer systematischen Repression, die sich in Hinrichtungen, Gefangenschaft, Zwangsarbeit, Folter, Hunger und sozialer Ausgrenzung ausdrückte. Hunderttausende konnten sich dieser entgrenzten Gewalt allein durch den Gang ins Exil entziehen. Die Franco-Diktatur trachtete aber nicht nur nach dem direkten Zugriff auf die Körper ihrer Untertanen, sondern strebte auch eine Deutungshoheit über die Geschichte im Allgemeinen und über die jüngste Vergangenheit im Besonderen an. Die Zweite Republik war dem franquistischen Geschichtsbild nach nichts anderes als ein konzertierter Angriff auf die spanische Nation mit ihrem katholischen, patriarchalen und soldatischen Wertekanon. Im Juli 1936 hätte sich das Militär gezwungen gesehen, einen Kreuzzug gegen eine antispanische Verschwörung von Bolschewisten und Freimaurern zu führen, um die Nation zu retten. Diese Geschichtsdeutung wurde nach 1939 zur diskursiven Legitimationsbasis des franquistischen Regimes und mittels sämtlicher geschichtspolitischer Werkzeuge hegemonialisiert. Zugleich wurden davon abweichende historische Narrative unterdrückt und weitestgehend aus der Öffentlichkeit verdrängt. Als Francisco Franco im November 1975 starb, erwies sich die antifranquistische Opposition als zu schwach, um eine demokratische Revolution durchzusetzen. Stattdessen handelten reformbereite Eliten des franquistischen Machtapparates und die Hauptkräfte der Opposition, darunter die Sozialistische und die Kommunistische Partei, einen Übergang zur parlamentarischen Monarchie aus. Eine entscheidende Zielsetzung der Transición (1975-1982) war die Überwindung der Spaltung der spanischen Gesellschaft. Um Versöhnung zu erreichen, wandte man sich pragmatisch den Zukunftsaufgaben zu. Die konfliktive Vergangenheit, die wahlweise als brudermörderisch oder nationale Tragödie bezeichnet wurde, sollte ein für allemal vergangen und vorbei sein. Diese geschichtspolitische Richtungsentscheidung wurde schon bald pacto del olvido (Pakt des Vergessens) genannt. Als Folge davon waren die Erinnerungen der Bürgerkriegsverlierer im öffentlichen und politischen Diskurs auch weiterhin kaum präsent und konnten somit auch nicht Teil eines neuen demokratischen Kollektivgedächtnisses werden. Dabei erwies sich der Diskurs der Transición, unterfüttert von einer latenten bis offenen Putschdrohung seitens rechter Militärs gegen die neue spanische Demokratie, als derart nachhaltig, dass bis weit in die 1990er Jahre hinein beinahe jegliche Thematisierung der konfliktiven Vergangenheit als systemgefährdend wahrgenommen wurde und tatsächlich kaum stattfand. Dies änderte sich sichtbar erst ab der Jahrtausendwende, als zivilgesellschaftliche Initiativen von sich reden machten, die sich die Wiedergewinnung der historischen Erinnerung (recuperación de la memoria histórica) zum Ziel gesetzt hatten. Die recuperación de la memoria histórica entwickelte sich zu einer bis zum heutigen Tag aktiven Erinnerungsbewegung und löste eine geschichtspolitische Debatte aus, die unter anderem zur Verabschiedung eines Erinnerungsgesetzes durch die Cortes (spanisches Parlament) im Jahr 2007 führte.6 Die memoria histórica-Gruppen suchen intensiv nach dem Verbleib der desaparecidos (Verschwundene) genannten Todesopfer der Frühphase des Franquismus, erzählen in Ausstellungen oder Videofilmen nur scheinbar vergessene Geschichten der spanischen Arbeiterbewegung, setzen sich für die Beseitigung erinnerungsku...

Soziale Revolution versus Konterrevolution, antifaschistischer Kampf, Unabhängigkeitskrieg - vielfältig waren die Geschichtsbilder, die sich die verschiedenen Strömungen der spanischen Arbeiterbewegung vom Bürgerkrieg (1936-1939) machten. Die Erinnerungen an die Ereignisse jener Jahre (libertäre Revolution, Kriegshandlungen, franquistische Repression) prägten das Selbstverständnis der anarchistischen, sozialistischen und kommunistischen AktivistInnen und ihrer Organisationen in den Jahrzehnten danach. Die innerlinken Kämpfe der Bürgerkriegszeit belasteten jedoch den Widerstand gegen die Franco-Diktatur (1939-1975). Alexandre Froidevaux legt nach jahrelanger Erforschung spanischer Quellen und Archive erstmals eine übergreifende Erinnerungsgeschichte der spanischen Arbeiterbewegung vor: ausgehend vom Bürgerkrieg über die Zeit des Franquismus bis hin zur Transición (1975-1982), der Zeit des Übergangs zur Demokratie. Er analysiert geschichtspolitische Debatten, die linken Opfererinnerungen, wie die Linken durch Rückbezug auf die Vergangenheit politische Identitäten ausbildeten und wie sich diese wandelten. Seine These ist, dass die Arbeiterbewegung häufig in Geschichte sprach. Nach einem Generationenwechsel, während der zweiten Phase der Franco-Diktatur, hörte sie zwar gewissermaßen damit auf, aber letztlich konnte sie doch nicht von der Geschichte lassen. Das Buch ist auch eine politische Geschichte der spanischen Linken von 1936 bis 1982. Der Autor stellt die wichtigsten Diskussionen und Entwicklungen des Antifranquismus dar. Er beschreibt das Zustandekommen der politischen Kompromisse der Transición, ohne die das heutige Spanien nicht zu verstehen ist.

Autorenporträt

Alexandre Froidevaux, Dr. phil., geboren 1975; Studium der Neueren und Neuesten Geschichte und der Romanistik in Freiburg im Brsg. und Valencia; 2008-2010 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Auslandswissenschaft/Romanischsprachige Kulturen der Universität Erlangen-Nürnberg; 2010-2013 Promotionsstipendiat der Rosa-Luxemburg-Stiftung; lebt und arbeitet in Berlin; Buchpublikation: "Erinnerungskultur ,von unten' in Spanien. Eine Oral History-Untersuchung der recuperación de la memoria histórica in Valencia (2000-2005)". Berlin 2007.

Herstellerkennzeichnung:


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