Junge Kämpfer, alte Opportunisten

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Die Mitglieder der NSDAP 1919-1945

ISBN: 3593506149
ISBN 13: 9783593506142
Herausgeber: Jürgen W Falter
Verlag: Campus Verlag in der Beltz Verlagsgruppe
Umfang: 499 S.
Erscheinungsdatum: 15.09.2016
Auflage: 1/2016
Format: 2.9 x 22.8 x 15
Gewicht: 723 g
Produktform: Kartoniert
Einband: Kartoniert

Wie viele Menschen tatsächlich Mitglied der NSDAP waren, ist weitgehend unbekannt. War die NSDAP eine „Arbeiterpartei “ oder doch, wie heute noch viele meinen, eine Mittelschichtbewegung? Wie sah es mit den Frauen in der NSDAP aus, einer kleinen, aber wachsenden Minderheit, die gegen Kriegsende immerhin fast 40 Prozent der Neueintretenden ausmachte? Wer schaffte es, ihr in den Jahren beizutreten, in denen die Partei für die Allgemeinheit geschlossen war? Und wer waren die Menschen, rund eine Dreiviertelmillion (!), die zwischen 1925 und 1945 die NSDAP wieder verlassen haben? Auf diese und viele weitere Fragen gibt dieses Buch – zum Teil verblüffend neue – Antworten. Seine Analysen entstanden im Rahmen des langjährigen Mainzer Forschungsprojekts „Die Mitglieder der NSDAP 1925 – 1945“, das auf dem mit weitem Abstand größten Datensatz aus der Zentralen NSDAP-Mitgliederkartei fußt: einer Stichprobe von fast 50 000 Personen der Jahre 1925 bis 1945, die das gesamte Deutsche Reich samt den angeschlossenen und annektierten Gebieten umfasst, sowie einer Stichprobe früher NSDAP-Mitglieder für die Jahre 1919 bis 1922.

Artikelnummer: 9413678 Kategorie:

Beschreibung

Vorwort Knapp neun Millionen Mitglieder zählte die NSDAP am Kriegsende. Über zehn Prozent der deutschen Bevölkerung des "Großdeutschen Reichs" waren folglich Anfang 1945 Parteigenosse. Auf die rund 60 Millionen Wahl-berechtigten bezogen waren damals sogar rund 15 Prozent aller infrage kommenden Personen in der Staatspartei des "Dritten Reiches" organisiert. Ihren Charakter als revolutionäre, zu jedem persönlichen Opfer bereite Kadertruppe, wie von Hitler in "Mein Kampf" propagiert, hatte die NSDAP allerdings spätestens mit dem Ansturm der rund eineinhalb Millionen "März-gefallenen" von 1933 verloren. Die sogenannten Alten Kämpfer waren von da an nur noch eine Minderheit in einer ständig anschwellenden, die gesamte Gesellschaft durchdringenden totalitären Staatspartei. Die von Adolf Hitler so gefürchteten Konjunkturritter und Trittbrettfahrer dürften ab Mitte 1933 die große Mehrheit der Parteigenossen gestellt haben. Jung, zum Teil blutjung waren die "Alten Kämpfer" gewesen, als sie sich während der sogenannten Kampfzeit - auch das ist ein Begriff aus dem Wörterbuch des National-sozialismus für die Zeit vor der "Machtergreifung" - der "Hitlerbewegung" anschlossen. Deutlich älter waren diejenigen, die nach der Märzwahl 1933 und dann noch einmal im Frühjahr 1937 millionenfach in die Partei drängten. Die NSDAP war - das ist ein Ergebnis der hier vorgestellten Untersuchung und darauf bezieht sich der Titel dieses Buches - eine Partei, die sich in der Anfangszeit überwiegend aus "Jungen Kämpfern" und nach ihrer Etablierung als Staatspartei des "Dritten Reiches" mehrheitlich aus "Alten Opportunisten" zusammengesetzt haben dürfte. Keine Partei war jemals erfolgreicher in der deutschen Geschichte. Das gilt einerseits rein quantitativ - die NSDAP war personell rund zehn Mal stärker als SPD oder CDU in ihren besten Zeiten. Es gilt aber auch, was ihre "Er-folgsbilanz" angeht (obwohl man sich scheut, überhaupt von Erfolg zu sprechen). In den zwölf Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft wurden Deutschland und große Teile Europas stärker verändert als in den 70 Jahren davor und danach. Das bezieht sich in erster Linie natürlich auf die Heka-tomben von Toten des Zweiten Weltkriegs und die Millionen Ermordeten des Holocaust, aber auch auf die Veränderung des Erscheinungsbilds praktisch sämtlicher deutscher und vieler europäischer Städte als Folge des Bomben-krieges; und nicht zuletzt bezieht es sich auf die tiefgreifenden Veränderungen der deutsche Gesellschaft und der deutsche Mentalität. Die Nachwirkungen sind bis heute zu spüren. Die Welt nach 1945 war durch das Handeln Hitlers und der NSDAP eine andere geworden. Über wohl kein historisches Phänomen sind denn auch mehr Bücher geschrieben worden, ist intensiver geforscht worden, als über den National-sozialismus. Dennoch wissen wir über seine Massenbasis auch heute noch, 70 Jahre nach dem Zusammenbruch des NS-Systems, nicht alles, auf jeden Fall nicht genug. Zwar hat sich unsere Kenntnis über die Wähler der NSDAP seit den 1980er Jahren entscheidend verbessert. Über die Mitglieder dieser "absolutistischen Massenintegrationspartei" (Neumann (1956[1932])) hingegen wissen wir noch immer vergleichsweise wenig. Es ist nicht einmal zweifelsfrei bekannt, wie viele Mitglieder die NSDAP insgesamt hatte, wie viel Personen jemals in die Partei eintraten, wie viele sie wieder verließen, wer diejenigen waren, die zu irgendeinem Zeitpunkt austraten und dann wieder eintraten usw. Wir wissen auch so gut wie nichts über die mehr als eine halbe Million zählenden sudetendeutschen und noch immer nicht genug über die etwa gleich hohe Zahl österreichischer Parteimitglieder oder die Parteigenossen, die in der Freien Stadt Danzig oder dem ebenfalls unter Völkerbundsmandat stehenden Saargebiet lebten. Wenig wissen wir auch über die Parteieintritte in Zeiten der Aufnahmesperre und immer noch nicht genug über die Frauen, die sich vor und nach der "Machtergreifung" der Partei anschlossen. Diese Forschungslücken wenigstens ein Stück weit aufzufüllen, ist Ziel dieses Sammelbandes. Die meisten der heutigen Deutschen, selbst die historisch Interessierten, wissen wenig oder gar nichts darüber, dass ab dem 1. Mai 1933 die Partei nicht mehr für die Allgemeinheit zugänglich war. Bis 1937, formal sogar bis 1939, und dann wieder ab 1942 gab es eine relativ strikt gehandhabte Aufnahmesperre. Nur noch bestimmte, eng definierte Personenkreise durften überhaupt der Partei beitreten; dies führte beispielsweise dazu, dass 1934 die Zahl der Parteiaustritte die Beitritte überstieg und die NSDAP in diesem Jahr im Saldo einen Mitgliederverlust zu verzeichnen hatte. Auch damit beschäftigt sich der vorliegende Band. Die Verfasser sind, mit drei Ausnahmen, Mitglieder meiner seit 2012 bestehenden Forschergruppe, die sich der Sisyphusarbeit widmet, mehrere sehr große Stichproben aus der NSDAP-Zentralkartei zu ziehen, aufzubereiten und zu analysieren. Denn wie durch ein Wunder hat diese ursprünglich rund 20 Millionen Mitgliedskarten enthaltende Kartei den Krieg überlebt. Tatsächlich handelte es sich sogar um zwei getrennte Mitgliederkarteien, die bei der Reichsleitung in München geführt wurden. Die eine, die sogenannte Reichskartei, war von An-fang an alphabetisch aufgebaut; die andere, die sogenannte Gaukartei, war, wie der Name sagt, zunächst nach den jeweiligen Parteigauen, und innerhalb der Gaue nach Ortsgruppen und dann erst alphabetisch gegliedert. Jeder, der sich irgendwann einmal der NSDAP als Mitglied angeschlossen hatte, war in beiden Karteien verzeichnet. Nach dem Krieg wurde die Gaukartei - aus historischer Sicht bedauerlich - zu Entnazifizierungszwecken ebenfalls rein alphabetisch umsortiert. Beide Karteien haben das Kriegsende allerdings nicht unbeschädigt überstanden: Die Bestände der Reichskartei sind nur noch zu knapp 45 Prozent erhalten, die der Gaukartei zu rund 78 Prozent. Anhand der (unvollständigen) Überschneidungen zwischen beiden Karteien lässt sich jedoch berechnen, dass trotz der teilweisen Zerstörung des Bestandes rund 90 Prozent aller jemals in die Partei eingetretenen Personen auch heute noch in zumindest einer dieser beiden zentralen Mitgliederkarteien aufgeführt sind. Insgesamt handelt es sich um rund zwölf Millionen Mitgliedskarten, die den Krieg überlebt haben und heute im Bundesarchiv in Berlin lagern. Auf den Karten selbst sind über 20 Personenmerkmale notiert, vom Vornamen und Familiennamen über den Geburtsort, den Wohnort, die Ortsgruppe, der man angehörte, den Gau, zu dem diese Ortsgruppe zählte bis zum Beruf und mög-lichen akademischen Graden. Ferner sind Informationen über einen möglichen Parteiaustritt, einen Wiedereintritt, ein Ausscheiden durch Tod oder durch Ausschluss aus der Partei verzeichnet sowie eine mögliche neue Wohnadresse, ein neuer Wohnort und gegebenenfalls eine neue Gauzugehörigkeit. Was be-dauerlicherweise nicht auf den Karten verzeichnet ist, sind sozialhistorisch so wichtige Informationen wie die Konfessionszugehörigkeit, die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft oder eine frühere Parteizugehörigkeit. Durch die erst im Verlaufe des Projekts geschaffene Verbindung der auf den Karteikarten verzeichneten individuellen Merkmale mit geburts-, wohnorts- und ortsgrup-penbezogenen Informationen ist es beispielsweise möglich, über die auf den Karteikarten verzeichneten Angaben hinaus zu bestimmen, ob die Mitglieder aus überwiegend katholischen oder evangelischen Gemeinden stammten, ob aus früher sozialdemokratisch oder kommunistisch orientierten Orten weniger Arbeiter als im Durchschnitt zur NSDAP stießen oder ob sich die Partei in Orten mit einer starken "rechten" politischen Tradition schneller und besser etablieren konnte als in den anderen Traditionsgebieten etc. Natürlich lassen sich 12 Millionen Mitgliedskarten, die zu einem großen Teil nur handschriftlich ausgefüllt sind, und das auch in vielen Fällen nicht in der uns heute geläufigen lateinischen, sondern in der damals vorherrs...

Autorenporträt

Jürgen W. Falter ist seit 2012 Senior Research Professor für Politikwissenschaft an der Universität Mainz. Er war dort von 1993 bis 2012 Inhaber des Lehrstuhls für Innenpolitik und Empirische Politikforschung. Seit 2001 ist er Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz.

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