Beschreibung
August Neben meinem Soundboard leuchtet das Display meines Handys auf und ich drücke schnell die Pausetaste, um die Aufnahme eines Sprechers, der die Farbigkeit kanadischer Gänse an einem Flussufer beschreibt, zu unterbrechen. Ich hatte nie die Angewohnheit, während der Arbeit aufs Handy zu schauen, aber bis vor Kurzem musste ich auch niemandem acht Stunden oder mehr beim Lesen zuhören. Meine Nachrichten abzurufen, ist wie eine Art notwendiger Geschmacksneutralisator für meine Ohren, denn dies ist schon das dritte Hörbuch, das ich für Fog Harbor Audio produziere. Bis jetzt stellt es das größte Problem bei dieser Arbeit dar, aufmerksam zu bleiben, wenn meine Gedanken abschweifen wollen. Aber es wird gut bezahlt. Und das ist das Wichtigste. Ich lächele, als ich sehe, wer mir geschrieben hat: meine Schwester. Gabby Wie viele Energydrinks hast du heute schon getrunken? Sei ehrlich. Ich muss grinsen. Mein Blick wandert zu der 0,5-Liter-Dose vor mir. August Nicht, dass dich das was anginge, aber ich bin noch bei meinem ersten. Gabby XXL oder normale Größe? Ich stöhne. August Machst du in diesem Feriencamp auch noch was Sinnvolleres, als meinen Koffeinkonsum zu überwachen? Gabby Wir haben am Wasser zu Mittag gegessen. Tante Judy hat uns fünf Tüten von Moms legendärem Butterkaramell vorbeigebracht. Ich hatte vergessen, wie unglaublich gut das ist! Die Trauer hat mich kurz im Griff und ich brauche einen Augenblick, um antworten zu können. August Ich würde ja sagen: Heb was für mich auf. Aber da das Camp noch nicht mal halb rum ist, will ich mal nicht so grausam sein. Du brauchst schließlich was zu essen, wenn du das nächste Mal auf die Pizza verzichtest. Gabby Boah, die war echt übel. Und sag Tante Judy nicht, dass ich es dir verraten habe, aber für dich hat sie auch Karamell gemacht. Sie kommt am Samstag zu dir, also habe ich sie gebeten, ein paar Klamotten aus meinem Kleiderschrank zu holen. Ich könnte auch noch ein Paar Schuhe gebrauchen. Gabby Aber es ist mega hier (abgesehen von der Pizza) und ich lerne SO VIEL! Ich hab das Gefühl, mein Gehirn kann sich die Gebärdensprache dreimal so schnell einprägen, weil ich den ganzen Tag davon umgeben bin. Tyler sagt, er hat noch nie gesehen, dass jemand es so schnell draufhat. Danke noch mal, dass ich das machen darf. Gabby Was ist mir dir? Hast du Spaß? Ich blinzele, weil ich kaum mitgekommen bin - sie hat ihre Nachrichten wie eine Maschinengewehrsalve abgefeuert. Ich erinnere mich daran, wie die Ärzte mich damals zur Seite nahmen und mir sagten, sie seien sich nicht sicher, wie gut Gabbys Gehirn sich nach der Verletzung bei dem Unfall wieder erholen würde. Und hier ist sie, tippt dreimal schneller, als ich denken kann, und übertrifft alle Hoffnungen. Außer einer. Als ich auf ihre letzte Nachricht nicht mit übermenschlicher Geschwindigkeit antworte, schickt sie noch eine hinterher. Gabby Auuuguuuusssssttttttt???? August Spaß ist in meinem Alter relativ. Chip ist auf dem Weg hierher. Wahrscheinlich holen wir uns was zu essen, wenn wir mit dem Projekt im Studio fertig sind. Gabby Du holst dir ständig mit Chip was zu essen. Also NEIN, das zählt nicht. Gabby Und was für ein Projekt? Seit wann bin ich eigentlich so berechenbar? Ich überlege einen Moment, wie ich ihr sagen soll, dass ich einen neuen Job angenommen habe, seit ich sie im Gehörlosen-Ferienlager abgesetzt habe. Wie kann ich sagen, dass ich mein Geld jetzt damit verdiene, Leuten beim Lesen von Büchern zuzuhören, ohne dass es total nerdig klingt? August Es gibt da diesen Literaturtrend, bei dem Studioaufnahmen mit Sprechern gemacht werden. Chip ist Feuer und Flamme dafür, deshalb helfe ich ihm eine Weile damit. Gabby Du meinst Hörbücher? Das heißt, ich bin genau so ein Nerd, wie sie denkt. Ich reagiere mit einem Daumen-hoch-Emoji und hoffe, dass sie die Sache damit auf sich beruhen lässt. Gabby Okay Wenn du mir nicht bald ein Bild schickst, auf dem du was Cooles unternimmst, schicke ich dir Fotos von mir, wie ich am Strand ohne Sattel auf einem Hengst reite, und natürlich ohne Helm. Muss jetzt los! Sie macht Witze, sage ich mir. Aber trotzdem beschleunigt sich mein Puls, als ich quasi in Zeitlupe vor mir sehe, wie meine Schwester sich in Gefahr bringt. Ich lege meinen Studiokopfhörer beiseite, weil ich das Bedürfnis habe, irgendetwas auseinanderzunehmen, nur um es wieder zusammenzusetzen. Mein Blick schweift über meinen Arbeitsplatz und da sehe ich den Karton vom Takeaway gestern Abend aus dem zu kleinen Mülleimer ragen. Noch eine schlechte Angewohnheit, die ich in letzter Zeit entwickelt habe: im Studio zu essen, anstatt ins Haus hinüberzugehen, obwohl ich dafür nur die Einfahrt überqueren muss. Der positive Nebeneffekt ist, dass ich dadurch mehr Zeit in meinen aktuellen Job stecken kann, bei dem ich Lippengeräusche, undeutliche Aussprache, zu harte Konsonanten und seltsame Atemlaute ausfindig mache und notiere, was neu aufgenommen werden muss. Ich habe festgestellt, dass es hilft, wenn ich mich dafür mit Koffein vollpumpe. Dann kann ich mich auf die Stimme konzentrieren, anstatt mir zu überlegen, welche Soundeffekte ich den einzelnen Szenen hinzufügen würde - Blasinstrumente, Percussion und ein paar unheimliche Basstöne für die Spannung. Vielleicht kann ein Sprecher eine Beziehung zu Charakteren erschaffen, die es nicht gibt, so wie ich Musik hören kann, die nicht existiert. Ein bizarrer Gedanke. Ich trinke den letzten Schluck und werfe die Dose in die überquellende Tonne neben meinem Sofa, auf dem ich immer nachdenke. Wahrscheinlich sollte ich den Müll mal wegbringen, sonst könnte man meinen, ich hätte ein Problem. Ein Blick auf die Uhr über der Aufnahmekabine verrät mir, dass ich noch etwa eine Viertelstunde habe, bevor Chip mit einem Sprecher kommt, den er vielleicht unter Vertrag nehmen will. Er hat mich gebeten, ein fünfzehnminütiges Demo aufzunehmen, das er dem Autor schicken kann. Ich habe nur zögernd eingewilligt und mit dem Zusatz 'ausnahmsweise', weil es nicht zur Gewohnheit werden soll, Lesestunden in meiner einzigen Aufnahmekabine zu veranstalten. Es ist eine Sache, wenn Chip mir das Tonmaterial seiner Sprecher zur Bearbeitung schickt, aber eine ganz andere, wenn sie mein Territorium betreten. Mein Studio ist Musikern vorbehalten. In Zukunft will ich eine zweite Kabine ausstatten - der Platz ist dafür schon vorbereitet -, aber im Moment ist es nur eine Vorratskammer. Mit der übervollen Tonne in der rechten Hand gehe ich zur Tür, reiße sie auf und stoße mit der Tonne direkt gegen ein Paar Beine. Eindeutig weibliche Beine. Mir bleibt nur ein Sekundenbruchteil, um das wahrzunehmen, denn als Nächstes prallen unsere Körper zusammen und der Rückstoß lässt die Getränkedosen durch die Luft fliegen wie Konfetti. 'Oh nein! Das tut mir leid!', stammelt die Frau, während wir beide versuchen, die fliegenden Objekte einzusammeln, bevor sie die Einfahrt hinunter und auf die Straße rollen. Sie hält zwei Dosen mit den Füßen auf, während ich denen hinterherlaufe, die entwischt sind. Von einem Moment auf den anderen sind wir ein Team, das erfolgreich mein Leergut einsammelt und in Basketballmanier zurück in die Tonne wirft, die ich vor der Garagenwand abgestellt habe. Als ich mich endlich aufrichte und meine Überraschungsbesucherin zum ersten Mal ansehe, kann ich nicht verbergen, dass mir auffällt, wie schön sie ist - wie eine holde Maid aus den Märchenbüchern meiner Mutter, mit denen sie meiner Schwester Englisch beigebracht hat. Ihre goldbraunen Haare sind lang und wellig, mit hellen und dunklen Strähnchen, und oben am Hinterkopf mit einem dicken blauen Band locker zusammengefasst. Die Enden der Schleife schwingen hin und her, wann immer ihre Besitzerin sich bewegt. An ihr und ihrem bunten, detailverliebten Outfit gibt es gefühlt so viel zu entdecken, dass ich gar nicht alles mit einem Blick erfassen kann. 'Nachträglich: Hallo', sagt die Frau jetzt mit...
Sophie Wilder hatte nie vor, einmal als Hörbuchsprecherin zu arbeiten. Doch nach dem abrupten Ende ihre Karriere als Bühnenschauspielerin und ihrer notgedrungenen Rückkehr auf das Weingut ihrer Familie findet sie darin unerwartet eine neue Leidenschaft. Sich in ihren Tontechniker zu verlieben, gehörte jedoch ganz sicher nicht zu ihrem Plan. August Tate hat nach einem tragischen Unglück die Vormundschaft für seine jugendliche Schwester übernommen. Seitdem steht seine Welt Kopf. Er kämpft darum, sein privates Tonstudio zu retten und gleichzeitig eine Lösung für den fortschreitenden Hörverlust seiner Schwester zu finden. Um sich finanziell über Wasser zu halten, produziert er nebenbei Hörbücher - und trifft so auf Sophie. Schon bald weckt sie vergessen geglaubte Gefühle in ihm. Und als Sophie mit seiner Schwester über den Glauben ins Gespräch kommt, kann August der Frage nicht länger ausweichen, warum er selbst Gott den Rücken gekehrt hat - und ob er bereit ist, sein Herz noch einmal zu öffnen
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