Beschreibung
1. Einleitung 1.1 Relevanz und Leitfragen "Also unterrichten ist wichtig, aber erziehen ist, find ich, auch wichtig. Und unerstützen auch." Frau Meyer, Lehrerin an der Geschwister-Scholl-Gesamtschule im ländlichen Rheinland, hat nach mehr als 30 Jahren Berufserfahrung eine klare Einstellung zu ihrer Unterrichtsgestaltung, tradierte Wissensbestände und ein deutlich ausgeprägtes Bildungskonzept. Ihr Beruf ist Teil ihrer Identität. Sie berichtet, dass sie nicht nur Inhalte vermitteln will, sondern Erziehung in einem ganzheitlichen Sinne betrachtet. Nach einem Moment des Nachdenkens fügt sie hinzu, dass auch die Hilfe für einzelne Schüler zu ihrem Beruf gehört. Hier zeigt sich, dass das Tätigkeitsspektrum von Lehrenden weit mehr umfasst als Inhalte zu vermitteln. Unterricht als Kultur-prozess ist eng verknüpft mit den Akteuren, die diesen in ihren je eigenen Praxen realisieren. Gleichzeitig wirken Ordnungen von außen ein, die den Gestaltungsspielraum eingrenzen und Unterricht strukturieren. Welche Rolle die einzelnen Lehrenden für die Schulbildung spielen, soll im Folgenden dargestellt werden. Gesellschaftliche Relevanz Schule ist in der gesellschaftlichen Debatte allgegenwärtig, und das nicht erst seit gestern: Das so genannte G8, die Schulzeitverkürzung auf ein Abitur nach zwölf Jahren, wird immer wieder intensiv verhandelt. Feuilleton und Eltern fürchten um die Folgen oder sehen eine Steigerung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit, Politik und Lehrende wägen die Vor- und Nachteile ab. Mit Schlagworten wie PISA-Studie und Vergleichbarkeit werden unterschiedliche Argumentationen be- und widerlegt. Ansätze wie jener von Gemeinschaftsschulen, also längeres gemeinsames Lernen für Kinder mit unterschiedlichen Kompetenzen, stehen ebenso wie das Konzept Inklusion zur Debatte. Gleichzeitig wird den einzelnen Schulen mehr Entscheidungskompetenz in Form eines Managementmodells übertragen, wenn etwa in Nordrhein-Westfalen mit dem Modell der selbstständigen Schule ein Pauschalbetrag zur eigenen Verwendungsentscheidung den Institutionen zugewiesen wird, aus dem alle Kosten beglichen werden müssen. Der Bildungsbereich unterliegt einer "gewollten, planvollen Unterfinanzierung". Die Bundespolitik initiiert Bildungsgipfel und Exzellenzinitiativen, um die unterschiedlichen Problembereiche anzugehen, obwohl die Kulturhoheit laut Grundgesetz bei den Bundesländern liegt. In der heutigen Bildungsgesellschaft sind Wissen und Kompetenzen unabdingbare Voraussetzungen für Teilhabe an unserer Gesellschaft. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts, inmitten fortwährender Globalisierungs- und Digitalisierungsprozesse, steht die Frage der Vermittlung von Wissen vor neuen Herausforderungen. Mit dem Wandel der Medien und dem An-wachsen digitaler Möglichkeiten setzt auch eine andere Informationsaneignung und ein verändertes Lernen ein, das Lehren steht ebenfalls vor sich wandelnden Strukturen: "Mit der Digitalisierung schreitet die Mediatisierung der Lebenswelten voran, und die Welt wird zunehmend über Mediendarstellungen wahrgenommen." Diese sich verändernden Ordnungen des Digitalen sind für Schulbildung besonders virulent, wenngleich zahlreiche weitere Faktoren die Schulsysteme zeitgleich verändern, wie noch aufzuzeigen sein wird. Warum also die Rolle der Lehrenden untersuchen, wenn so viele Inhalte und Strukturen aktuell im Wandel begriffen sind? Und warum die Schule als Institution herausgreifen? In der westlichen Welt ist der Schulbesuch ein gesellschaftliches Totalphänomen: Jeder Leser dieses Textes hat eine Schule besucht. "Jedermann weiß aufgrund eigener Teilnahme schon immer, was Unterricht ist und wie es in den Klassenzimmern zugeht." Die Schule ist und bleibt zentraler Ort formaler Bildung; Schulpflicht verweist auf die Bedeutung als soziales Totalphänomen, als kulturelle Tatsache. Neben Familie und Freundeskreis ist der Lebensraum Schule kontinuierlicher Ort von Enkulturation, an dem kulturelle "Weisen des Denkens, Empfindens und Handelns" in einer Kulturvermittlung erlernt werden. Durch Lage, Ausstattung und Profil der Schule sowie die Zusammensetzung der Lehrer- und Schülerschaft ist jede Schulkultur anders ausgestaltet. In den Diskussionen um mein Projekt, Schule zu erforschen, gab die Themenvorstellung immer wieder Anlass zu Stegreiferzählungen über die eigene Schulzeit, wurden Lehrer positiv oder negativ erinnert. Im Rahmen von Berichten über besondere Lehrpersonen wurden nicht nur Anekdoten erzählt, sondern wiederholt auch bestimmte Inhalte und Themenstellungen mit konkreten Lehrpersonen verknüpft. Die Relevanz von Lehrenden für die Schulzeit kann schon nach diesen Impulsen als hoch bewertet werden. Gerade in der aktuellen Phase des Wandels von Schulsystem, -inhalten und -kulturen ist die Analyse der Lehrenden als Schlüsselakteuren im weiteren Feld der Schulbildung aussagekräftig, um in der Mikroperspektive die Relevanz der sich ändernden Makrostrukturen aufzuzeigen. Welche Themen im Schulunterricht behandelt werden sollen, ist durch und Lehrpläne in Stichworten vorgegeben und wird in Schulbüchern und Unterrichtsmaterialien ausformuliert. Den einzelnen Lehrenden ist es überlassen, thematische Schwerpunkte zu setzen und den Unterricht didaktisch zu gestalten. Insbesondere diesen Akteuren der Kulturvermittlung kommt damit eine Schlüsselfunktion zu. Sie sind als arbeitende Subjekte in ein ganz spezifisches Arbeitsumfeld eingebunden, die Rahmenbedingungen sind in besonderem Maße normativ strukturiert und doch individuell gestaltbar. Sie sind abhängig von den staatlichen Normvorgaben in Lehrplänen und zugelassenen Schulbüchern, aber entscheidend für die methodische Art der Vermittlung, thematische Schwerpunktsetzung und Materialauswahl. Weil sich die Formen des Lernens mit der Digitalisierung fundamental wandeln ? Informationen sind scheinbar ubiquitär verfügbar ?, müssen die Lehrenden andere Rollen einnehmen. Gleichzeitig ändern sich die Möglichkeiten im Unterricht durch die neuen Medien, neue Anforderungen werden gestellt. Hieraus folgend wandelt sich der Lehrerberuf sowohl in seiner Ausübungsform als auch in den zu unterrichtenden Inhalten. Die Erwartungen auch an Leistungen der Lehrenden sind in den vergangenen Jahren und mit den Diskussionen um internationale Vergleichbarkeit immer weiter gestiegen, denn Schulunterricht soll nicht nur Wissen vermitteln und Lehrende sollen nicht nur erziehen. Sie sollen auch gesellschaftliche Probleme vorbeugend vermeiden und zugleich Subjekte erziehen, die als unternehmerisches Selbst der Gesellschaft nutzen. Das Schulsystem in Nordrhein-Westfalen, das als exemplarisches Bei-spiel der vorliegenden Studie dient, befindet sich gegenwärtig im Umbruch. Der Paradigmenwechsel hin zu einer Kompetenzorientierung hat die Struktur von Unterricht normativ verändert. In diesem Zuge fand eine Neustrukturierung und -ausrichtung der Lehrpläne statt. Damit einher ging auch die Schulzeitverkürzung auf ein Abitur nach zwölf Jahren (G8), die in NRW im Sommer 2013 mit einem Doppeljahrgang abgeschlossen wurde. In den folgenden Schuljahren ist das Abitur nach zwölf Jahren mit einhergehender Wochenstundenverkürzung in den einzelnen Fächern der Regelfall, in den neun vorangehenden Jahren wurden Schüler mit unterschiedlichen Lernplänen und Schulzeitverläufen parallel unterrichtet. Alle Unterrichtsfächer sind nun darauf ausgerichtet, neben der Vermittlung von Sachwissen auch kompetenzorientiert zu arbeiten, sie sollen "wesentliche Kenntnisse und Fähigkeiten [], die für den weiteren Bildungsweg unverzichtbar sind", vermitteln. Thematische Vorgaben wurden in diesem Zuge gekürzt. Schulunterricht selbst ist ein wechselwirkender Interaktionsprozess zwischen Lehrenden und Lernenden. Er spielt eine "Schlüsselrolle, die den Vermittlungsprozessen im kulturellen Geschehen zugewiesen werden kann". Dabei soll ein in Lehrplänen kanonisiertes Wissen vermittelt wer-den, welches durch inhaltliche und formale Reformen immer wieder aktualisiert wird. Im Unterr...
Autorenporträt
Lina Franken, Dr. phil., ist wiss. Referentin für das 'Portal Alltagskulturen im Rheinland' beim Landschaftsverband Rheinland und wiss. Mitarbeiterin im Projekt 'Kultur in der Lehrerbildung' an der Universität Bamberg.
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