Beschreibung
Vorwort: Das Nach-Denk-Mal "Dies ist ein Nachdenkmal, also im Sinne von Nachdenken. Dieses Denkmal hat wirklich große Potenziale, Nachdenken anzuregen. Es vollendet sich eigentlich erst auch in der Kommunikation mit den Denkmalsbesuchern. Und das ist eines der entscheidenden Qualitätsmerkmale. Es nimmt das Gedenken nicht ab; es nimmt die historische Erinnerung nicht ab, sondern es öffnet Türen, und es lädt dazu ein zu vertiefen." Der Plan, ein Denkmal zu errichten, welches heute "All denen [gewidmet ist], deren Menschenwürde verletzt wurde, den Verfolgten, die gegen kommunistische Diktatur aufrecht für Demokratie und Menschenwürde einstanden. 1945-1989", rief im Jena der beginnenden 2000er Jahre nach dem Aufbrechen eines stillhaltenden Schweigens kontroverse Diskussionen hervor. Die Widmung, die im Jahr 2009 als Kompromissformel das lange Ringen der Stadt Jena und ihrer Stadtverordnetenversammlung beendete, konnte die unterschiedlichen Positionen nicht gänzlich vereinen. Was war geschehen? Ein ehemaliger Jenenser, der in den 1950er Jahren inhaftiert worden war und nun als Unternehmer in den USA lebte, hatte die Stadt Jena anlässlich des 17. Juni 2003 aufgefordert, ein von ihm womöglich privat finanziertes Denkmal zu bauen. Daraufhin mussten sich Stadt und Universität darüber verständigen, ob und wie an Nachkriegsgewalt, an stalinistische Repression und an Zivilcourage zu erinnern sei. Die scheinbaren Gewissheiten des zeitgenössischen Diskurses erwiesen sich dabei als brüchig. Dies begann mit dem Selbstverständnis der meisten Stadtväter und -mütter, denen die Öffentlichkeit als lästig, der politischen Aushandlung und historischen Reflexion nicht fähig schien, weshalb sie ein undemokratisches Procedere initiierten. Zu diesem Zeitpunkt legte die Fachwissenschaft ihr Veto ein und ermutigte damit nachdenklichere Beteiligte, sich für einen offenen Diskurs zu engagieren. Eine begrenzte Ausschreibung schien den Konflikt lösen zu können, was jedoch nicht gelang. Auch der Gegenstand erwies sich als strittig. Die einen wollten ausnahmslos aller "Opfer" gedenken. Die anderen wollten nicht ehemalige Nazis ehren, dafür aber auch diejenigen in den Kanon aufnehmen, die für Menschenrechte eingetreten waren. Sie wandten sich gegen die entlastende Funktion der Aufteilung der Gesellschaft in "Täter" und "Opfer". Sie wurden dafür von der Gegenseite als "kaputte Charaktere" und "Lumpen" denunziert. Nach dieser ersten turbulenten Phase, in der das Denkmalprojekt schon gescheitert schien, wurde eine zweite Ausschreibung des Denkmals mit einer unabhängigen Jury beschlossen, die ein beachtliches Ergebnis zeitigte. Dies verdankte sich den drei Leitkriterien, nach welchen die Ent-würfe ausgewählt wurden: der "ästhetische[n] und inhaltliche[n] Prägnanz im Blick auf staatliches Unrecht im Kontext SBZ und DDR und in diesem Sinne auch formale[r] und inhaltliche[r] Unverwechselbarkeit". Zweitens sollten vom Denkmal möglichst viele Lern- und Erfahrungsimpulse ausgehen, das drittens nicht provinziell, sondern vielmehr formal und inhaltlich "auf der Höhe der Zeit" sein sollte. Es sollte ein Denkmal geschaffen werden, das weder abschließende Kanonisierung noch Identitätsstiftung forderte, sondern Selbst-Verunsicherungen zur Entwicklung demokratischer Kultur förderte. Auf vorbildliche Weise entsprach dem der Entwurf der Preisträgerin Sibylle Mania: "Das Denkmal ist präzise im Bezug auf den Ort und präzise im Ereignisbezug. Es verweist auf die Stasi, aber nicht nur auf die Stasi. [] Es ist einerseits als Skulptur in sich selber tragfähig, autonom. Es enthält aber viele inhaltliche Impulse, beinahe möchte man sagen narrative Impulse. Es zitiert die Karteikästen der Stasi, es erinnert an den Moment auch der Erstürmung dieses Gebäudes. Es ist lesbar, es ist verstehbar und es regt zum Nachdenken an, funktioniert aber zugleich als Plastik. [] Drittens war uns die komplexe kognitive Struktur sehr wichtig, [] die Informations- und Lernangebote, die dieses Denkmal enthält. [] Es hat uns aber auch überzeugt, dass auf den Karteikästen, [] prägnant und exemplarisch, keineswegs überfrachtend, erstens signifikante, eher mit Ortsbezug, mit Regionsbezug signifikante Namen von Opfern politischer Repression [] genannt werden. Da ist dieses Denkmal ein Ort des Eingedenkens, der Würdigung und der Anerkennung, auch der Anerkennung von Leid. Und dann gibt es ja, das gehört zum Vorschlag, diese zweite Struktur, nämlich markante Kerndaten der Diktaturgeschichte und der Überwindung der Diktatur zu nennen [], natürlich nicht durchbuchstabiert, aber als Impuls, als Orientierung, um das dann zu vertiefen." Konkretion und Abstraktion sinnhaft zu verbinden und Nachdenk-Ange-bote über die Diktatur zu eröffnen - dies sollte das Anliegen des Denkmals sein, wofür auch der Ort mit Bedacht ausgewählt wurde. Dieser wurde auf dem Kreuzpunkt der Achsen gefunden, die das Zusammenwirken der Institutionen symbolisieren, welche soziale und politische Ausgrenzung organisierten: dort, wo sich zuletzt auch die Jenaer Kreisdienststelle der Staatssicherheit befand. Die Künstlerin bildete mit dem Denkmal Aktenkartons nach, die der bürokratischen Struktur des Realsozialismus zu eigen waren. Sie erinnern, teilweise beschriftet, an beispielhafte Ereignisse und Personen der Jenaer DDR-Historie im Kontext überregionaler Prozesse, was zu weiteren Fragen provoziert. Die gestapelten Kästen adaptieren zugleich den Gleichschritt, die Militarisierung sowie die Ideologisierung, die keinen unbestimmten Winkel zuließen und durch ihre Unkonkretheit dennoch auf jegliche Transparenz verzichteten. Das Nach-Denk-Mal wird so zur Verbildlichung der in diesem Buch angesprochenen Fragen, es lässt über diejenigen strukturierenden Elemente im Kommunikationsraum nachdenken, die zur Normalisierung in der "entwickelten sozialistischen Gesellschaft" beitrugen. Einleitung 1. Untersuchungsgegenstand "Es ist nicht die Öde der Zeitungen am Morgen, es sind nicht die leeren Losungen von Frieden und Freundschaft draußen auf den Straßen, nicht die quasselnden Redner und die komischen Staatsmänner, es sind die kleinen Lügen, die eines Tages gegen elf gelogen werden, und du sitzt im selben Raum, auf einem anderen Stuhl oder nicht." Das Hauptgebäude der Jenaer Friedrich-Schiller-Universität lag bis 1989 im Zentrum mehrerer Sichtachsen: lediglich einen Steinwurf entfernt im Nord-Osten die Jenaer Kreisdienststelle der Staatssicherheit mit der Erweiterten Oberschule gegenüber, 100 Meter nach Norden die Polizei, nach Süden die Stadtverwaltung. Alle gruppierten sich so dicht, dass zwischen ihnen nur wenige Minuten Fußweg lagen. Geht man auf der Johannisstraße nach Westen, so ragt nicht weit entfernt der weithin sichtbare Universitätsturm auf, in dem sich besonders die ideologienahen und wirtschaftswichtigen Sektionen gruppierten. Vor den Augen der Allgemeinheit verborgen residierte am Johannistor auch die Auswertergruppe der Hauptverwaltung Aufklärung der Staatssicherheit, strategisch zwischen Universität und Zeiss-Werk platziert. In der Johannisstraße befand sich mit der Jungen Gemeinde Stadtmitte ein Ärgernis für diese Sicherheitsarchitektur, denn von dort gingen Impulse der Selbstbestimmung aus. Die Stadt der kurzen Wege bot für die Hüter der Macht jedoch mit dem Hotel "Schwarzer Bär" einen eigenen Treffpunkt, der nur 20 Schritte sowohl vom Universitätshauptgebäude als auch der Staatssicherheit entfernt lag. Im "Palasthotel International" am Holzmarkt, bis zum Ende der 1980er Jahre der SED-Kreisleitung benachbart, entspann sich die gleiche Kulisse. In den Hotelbars konsumierte man wie auch in der Johannisstraße viel Alkohol, dort besprach man sich und hielt Kontakte aufrecht. Doch worum ging es in dieser Stadt? Jena wird als Hauptstadt der Opposition gefeiert, mit einer Universität, die vielen als Hort von Widerständigkeit gilt, da schließlich Ikonen des Widerstandes wie die Studenten des Eisenberger Kreises oder Schriftsteller wie Jürgen Fuchs mit i...
Autorenporträt
Katharina Lenski, Dr. phil., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Jena.
Herstellerkennzeichnung:
Beltz Verlagsgruppe GmbH & Co. KG
Werderstr. 10
69469 Weinheim
DE
E-Mail: info@campus.de




































































































