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Das Aufnahmelager Gießen (1946-1990)

ISBN: 3593508109
ISBN 13: 9783593508108
Autor: Laak, Jeannette van (Dr. habil.)
Verlag: Campus Verlag in der Beltz Verlagsgruppe
Umfang: 420 S.
Erscheinungsdatum: 05.10.2017
Auflage: 1/2017
Format: 3.1 x 21.7 x 14.5
Gewicht: 606 g
Produktform: Gebunden/Hardback
Einband: Gebunden

Zwischen 1946 und 1989 begehrten 4,5 Millionen Flüchtlinge aus der sowjetischen Besatzungszone und der DDR Aufnahme in die Bundesrepublik Deutschland. Für knapp ein Viertel von ihnen war das Gießener Notaufnahmelager die erste Anlaufstation. Hier fand zum einen die formale Aufnahme in die Bundesrepublik statt, zum anderen gewann man hier wichtige Informationen, die Aufschluss über politische, wirtschaftliche und militärische Einrichtungen der DDR gaben. Die erste umfassende Studie hierzu verschränkt die Entwicklung der bundesdeutschen Aufnahme- und Integrationspraxis mit den Erinnerungen übergesiedelter DDR-Bürger an den Funktionsraum des Lagers Gießen und das Aufnahmeverfahren. Exemplarisch kristallisieren sich dabei die Stärken und Schwächen eines bundesdeutschen Aufnahmerituals heraus.

Artikelnummer: 2336057 Kategorie:

Beschreibung

Einleitung "Am 22. oder 23. Dezember kam eine Familie aus Kraftsolms auf uns zu. Diese Familie hat im Fernsehen den großen Flüchtlingsstrom gesehen. Dass das alles so dramatisch war und die Zustände im Notaufnahmelager chaotisch und schlimm waren. Daraufhin haben sie sich dann in ihrem Familienrat dazu entschlossen, irgendjemanden im Notaufnahmelager anzusprechen und diese Familie zu Weihnachten einzuladen. Diese Familie waren halt wir." Mit diesen Worten erinnerte sich der damals neunjährige Robert Carl (Jg. 1980) an das Weihnachtsfest 1989. Wenige Tage zuvor war er mit seiner Familie in der Zentralen Aufnahmeeinrichtung Hessens (ZAH) für DDR-Übersiedler eingetroffen, zusammen mit vielen anderen DDR-Bürgern. Ähnliche Erfahrungen machte Familie Ehnert, die diese Einrichtung ebenfalls wenige Tage vor Heiligabend aufgesucht hatte. Auch sie wurde zu einer privaten Weihnachtsfeier am Heiligabend eingeladen, den sie bei einer Familie aus Heuchelheim verbrachten. Am ersten Weihnachtsfeiertag erhielt die vierköpfige Familie sogar eine zweite Einladung, diesmal von einem US-Soldaten aus Butzbach. Bei diesen und anderen Einladungen handelte es sich um Privatinitiativen von Bürgern aus Gießen und Umgebung, die das Weihnachtsfest 1989 zu einem besonderen Ereignis machten. Erstmals seit vier Jahrzehnten feierten Deutsche aus der DDR und der Bundesrepublik wieder gemeinsam, sei es, dass sich bis dahin getrennte Familien besuchten, sei es, dass sich Freunde und Verwandte nun ohne Zwangsumtausch und Einreisegenehmigung treffen konnten, sei es, dass sich gänzlich Fremde in dieser Zeit der Euphorie einander einluden. Man könnte meinen, dass einige hessische Familien und US-Soldaten, die Weihnachten 1989 mit ihnen fremden Übersiedlern aus der DDR feierten, auf diese Weise das Ende des Kalten Krieges und die Wiedervereinigung vor-wegnehmen wollten. Die Erzählungen vom Weihnachtsfest 1989 in Gießen und Umgebung verweisen somit exemplarisch auf die Spannungen, die für das 20. Jahrhundert so prägend gewesen waren, dass Eric Hobsbawm es als ein Jahrhundert der Extreme bezeichnete. Lagertypen Mit diesem "extremen Zeitalter", das von Kriegs- und Friedenszeiten in gleichem Maße geprägt wurde, ist eine Institution in besonderer Weise verbunden, die gerade im 20. Jahrhundert eine ungewöhnliche Entwick-lung nahm: das Lager. Lager gab es zu dieser Zeit in den unterschiedlichsten Ausprägungen und Funktionen, in ihnen konnten kleinere und große Menschenmassen untergebracht sein und nicht selten waren sie Orte, an denen ein kompletter Lebensalltag stattfand. Es gab Arbeitslager, DP-Lager, Durchgangslager, Flüchtlingslager, Gulags, Heimkehrerlager, Internierungslager, Konzentrationslager, Kriegsgefangenenlager, Quarantänelager, Wohnlager für Saison-, Fremd- und Gastarbeiter, für Vertriebene, für Aussiedler und Spätaussiedler. Zwar hatte es lagerähnliche Unterbringungs-formen auch schon vor dem Ersten Weltkrieg gegeben. Zu einem umfassenden Phänomen entwickelte sie sich aber erst während und infolge des Ersten Weltkrieges. Was ein Lager charakterisierte, hatte Ulrich Herbert in den 1980er Jahren so formuliert: "Ein Lager ist nicht für die Dauer gedacht, es soll nur für vorübergehende Zeit bestehen und seinen Bewohnern Platz bieten - ein Provisorium. Die in ihm leben, sind nicht auf's Bleiben eingerichtet; wer lange in Lagern lebt, tut dies nicht freiwillig." Auf dieser Grundlage wurden die verschiedenen Lagertypen in der Ge-schichtswissenschaft seither mit recht unterschiedlicher Gewichtung untersucht, wobei die Forschung zu den nationalsozialistischen Lagern bislang deutlich überwiegt. Funktional unterscheidet die NS-Forschung zwischen Exklusions- und Inklusionslagern. Zu den Exklusionslagern gehören Repressions- und Vernichtungslager, die für die Menschen eingerichtet worden waren, die von der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft ausgeschlossen werden sollten. Zu den Ausgeschlossenen gehörten Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, politisch Andersdenkende bzw. Mitglieder der KPD und SPD, aber auch kritische Vertreter der evangelischen und katholischen Kirche sowie sogenannte Asoziale und nicht zuletzt ausländische Zivilisten, die als Widerstandskämpfer galten. Parallel dazu entstanden Reichsarbeitsdienstlager, NS-Fortbildungslager für Lehrer oder HJ-Lager, die als Inklusionslager bezeichnet werden. Hier sollten die Mitglieder der NS-Volksgemeinschaft gewissermaßen auf die Gemein-schaft eingeschworen werden. An den Befunden der NS-Forschung über Lager orientierte sich zum einen die Forschung zu den Lagern diktatorischer Regime, die meist als Gulag bezeichnet werden. Betont wird dabei insbesondere der totalitäre Charakter dieser Lager, der auf Endindividualisierung und Enthumanisierung ausgerichtet war. Zum anderen nahmen die Forschungen zur Geschichte der Kriegsgefangenen- und Heimkehrerlager der beiden Weltkriege sowie zu den alliierten Internierungslagern zwischen 1945 und 1947 bzw. 1950 (SBZ/DDR) auf die Ergebnisse der NS-Forschung Bezug. Diese Untersuchungen arbeiteten vor allem die Unterschiede zwischen Lagern diktatorischer und demokratischer Systeme heraus. Eine weitere Facette bildeten die Studien zu den Durchgangs- und Wohnlagern der Vertriebenen sowie den DP-Lagern. Im Mittelpunkt der Untersuchungen standen die Genese der Lager und ihre Funktion, rechtliche Grundlagen sowie deren personelle und materielle Ausstattung. Einen weiteren Schwerpunkt bildete die Beschreibung der Arbeits- und Lebensbedingungen der Lagerinsassen. Dem schlossen sich Untersuchungen an, die die Wechselbeziehungen zwischen Lager und Umwelt in den Blick nahmen, also die Beziehungen zu den umgebenden bzw. anliegenden Städten und Gemeinden. Schließlich wurde untersucht, welche Erinnerungen an solche Lager in der Öffentlichkeit generiert werden. Adelheid von Saldern hat "lagerähnliche" Unterkünfte in die Nähe von Mietskasernen und Siedlungskonzepten des 20. Jahrhunderts gerückt, die darauf ausgerichtet waren, auf engem Raum Unterkunft für viele Arbeiterinnen und Arbeiter zu schaffen. Schon in den 1930er Jahren hat Walter Benjamin darauf hingewiesen, dass sich die Mietskasernen baulich und zum Teil auch sprachlich am Vorbild militärischer Kasernen orientierten. Das ist ein Merkmal, das auch Lager charakterisiert. Und so war und ist ein wichtiges Unterscheidungskriterium zwischen lagerähnlicher und "normaler" Unterbringung die Bauweise. Ein "richtiges" Haus, ganz gleich wie einfach, primitiv und preiswert gebaut, war ein "richtiges" Haus und eben keine Baracke, keine Nissenhütte bzw. kein Verschlag. Baracken-siedlungen hingegen gab es erstmals nach dem Deutsch-Französichen Krieg von 1870/71, als es Tausende Menschen in das aufstrebende Berlin zog, obgleich es in der Stadt nicht genug Wohnraum gab. Sehr schnell galten sie damals schon als "Schandflecken", ein Begriff der sich etwa einhundert Jahre halten sollte. Wurden diese geräumt, wurden die Bewohner in Obdachlosenheimen mit solider Fassade einquartiert und die Baracken nieder gebrannt. Solche Barackensiedlungen entstanden als Folge der zweiten Industrialisierung. Sie boten denjenigen eine zeitweilige Unterkunft, die neu in die Städte kamen, kaum jemanden kannten und gleichzeitig Arbeit und Wohnraum suchten. Da beide Aspekte sich einander bedingten, mussten viele Arbeitssuchende vorübergehend mit provisorischen Unterkünften vorlieb nehmen, bis sie eine ausreichend entlohnte Arbeit in die Lage versetzte, sich eine "richtige" Wohnung leisten und damit die Provisorien verlassen zu können. Nur diejenigen, denen es nicht gelang, eine entsprechende Arbeit zu finden, lebten längerfristig in solchen Barackensiedlungen. In den 1920er und 1930er Jahren entstanden dann Lager zur wohnähnlichen Unterbringung bzw. Massenunterkünfte, die etwa die sogenannten Ruhrpolen oder andere Gast- und Saisonarbeiter beher-bergten. Das Besondere hierbei war, dass zwar deren Arbeitskraft gebraucht wurde, sie aber offiziell nicht "dazu" gehörten, jedenfalls ...

Autorenporträt

Jeannette van Laak, Dr. habil., ist Historikerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Simon-Dubnow-Institut für jüdische Geschichte und Kultur an der Universität Leipzig.

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