Beschreibung
1. Einleitung Im Sommer 2012 wurde ein Video aufgenommen und auf der Internetplattform YouTube online gestellt. Irgendwo im Zentrum von T?ky? unterhält sich ein Mann, der das Gespräch mit seiner Videokamera aufnimmt, mit einem weitaus älteren Mann, der einen Demonstrationsstand für die Abschaffung von Kernenergie in Japan bewacht. Mitten im Gespräch stolpert, aus Zufall, eine Gruppe von Übersetzern mit Bärbel Höhn, der Bundestagsabgeordneten der Partei "Die Grünen", ins Bild. Ein Übersetzer stellt Höhn einen der älteren Aktivisten mit den Worten vor "This ojiisan [Opa] is very famous! Japanese Red Army!", worauf hin die sichtlich überraschte Frau Höhn mit "Aha O.K.?!" antwortet. Die darauf folgende Frage von Höhn " and you are a friend of Baader-Meinhof?" wird beantwortet mit "Naja, wir hatten schon einigen Austausch mit denen ". Im weiteren Verlauf des Gesprächs stellt der "Opa", der ehemalige Anführer der "Ky?sanshugisha d?mei - Sekigunha" (Bund der Kommunisten - Rote Armee Faktion) Shiomi Takaya (geboren 1941), fest, er habe gehört, dass einige von den deutschen Genossen, mit denen er zu tun gehabt habe, bei den Grünen eingetreten seien. Sich so zu integrieren sei den Aktivisten in Japan nicht gelungen. Richtig, bestätigt Frau Höhn, auch Daniel Cohn-Bendit sei bei den Grünen. Auf weitere Theoriediskussionen mit Shiomi über die "Black Panther Party" lässt sich die Bundestagsabgeordnete jedoch nicht ein. Nach dem Austausch von weiteren Höflichkeiten und einem Erinnerungsfoto stellt Shiomi zum Schluss fest: "Das ist wirklich gut, dass die vorbeigekommen sind". Die Szene zwischen Bärbel Höhn und Shiomi Takaya spiegelt sehr anschaulich den Erinnerungshorizont zu "1968" in Deutschland und Japan wider. Während in Deutschland 2008 anlässlich der vierzigsten Jährung von "1968" ein Boom der öffentlichen und der akademischen Verarbeitung der Studentenbewegung stattfand, und gleichzeitig die Aufarbeitung des "linken Terrorismus", der "Roten Armee Fraktion" und anderer Gruppen in der Bundesrepublik Deutschland in den 1960er und 1970er Jahren in einem zunehmend transnationalen Kontext unternommen wurde, blieb die Erinnerung an die japanische Studentenbewegung in Europa peripher. So ist es für die Bundestagsabgeordnete möglich, entspannt ein Erinnerungsfoto vom "Opa von der Roten Armee Faktion" in Japan aufzunehmen, der immerhin der Vorsitzende einer extrem militanten Gruppe gewesen war, die sich - wie die RAF - dem "bewaffneten Kampf" verpflichtet gefühlt hatte. Auf der anderen Seite zeigt die Szene auch einen Ausschnitt aus dem Erinnerungshorizont ehemaliger japanischer Aktivisten. Der Feststellung von Shiomi, dass die Aktivisten von 1968 sich nicht in einer linken Partei, wie den Grünen in der Bundesrepublik, hätten etablieren können und deshalb gesellschaftlich isoliert geblieben seien, ist ein Topos in der japanischen Linken, der den gesellschaftspolitischen "Erfolg" von "1968" in Europa und den Vereinigten Staaten mit der "Niederlage" in Japan kontrastiert. Dabei war die japanische Studentenbewegung in Bezug auf ihre unmittelbar gesellschaftliche Wirkung mit der im Westen vergleichbar, oder, besser gesagt, sie war ein Teil der globalen Studentenbewegung. Von ihren Mobilisierungsmöglichkeiten war sie der in der Bundesrepublik überlegen, in ihrer Länge ausdauernder. Zwischen 1965 und 1970 demonstrierten Studenten an knapp der Hälfte aller japanischen Universitäten zusammen mit über 50.000 Aktivisten (1969) der Parteifaktionen (t?ha) der japanischen Neuen Linken gegen die Diktatur in Südkorea, gegen den Vietnamkrieg, für den Abzug US-amerikanischer Soldaten aus Japan und Okinawa, oder für die Demokratisierung der Universitäten, um nur einige der Themenfelder zu nennen. Aus dieser massiven Bewegung entstanden 1969 Gruppen, die sich der Praxis des "bewaffneten Kampfs" zuwandten, ganz ähnlich wie in Europa und den Vereinigten Staaten. Dementsprechend stellt Oguma Eiji zu Beginn seiner umfangreichen mentalitätsgeschichtlichen Arbeit "1968" die Frage, "warum diese Revolte stattfand" und stellt fest, dass es "keine zusammenfassende Untersuchung darüber [gibt], was für eine Bedeutung sie für die japanische Gesellschaft und die Welt hatte, sowie was davon übrig geblieben ist" (Oguma Eiji 2009b: 12). So ist nach Oguma eine historische Einordnung der studentischen Revolte Japans in die globale Studentenbewegung genauso nötig wie, umgedreht, eine Einordnung der globalen Revolte in die japanische Studentenbewegung. Die Studentenbewegung in Japan ist aus einer Perspektive zu untersuchen, die eine Vergleichbarkeit und Verknüpfung zwischen ihr und den Bewegungen im Westen voraussetzt und nicht a priori davon ausgeht, dass die japanische Studentenbewegung aufgrund der "Andersartigkeit" einer vermeintlich spezifisch japanischen Mentalität bereits "anders" verfasst sei. Dies ist im Falle der Entstehung von antiimperialistischer und antijapanischer Theorie in der Studentenbewegung noch offensichtlicher. Zwischen 1968 und 1970 entstanden weltweit Gruppen, die sich entweder aus ehemaligen Studenten oder Aktivisten zusammensetzten, die mit der Studentenbewegung politisch sympathisierten. In der Bundesrepublik Deutschland waren dies die "Tupamaros Westberlin", die "Rote Armee Fraktion", die "Bewegung 2. Juni" und andere, in Frankreich die kurzlebige "Gauche Proletarienne" (Proletarische Linke), in Italien die "Brigate Rosse" (Roten Brigaden), in den Vereinigten Staaten die "Students for a Democratic Society - Weathermen", und - nicht zuletzt - in Japan seit September 1969 die "Ky?sanshugisha d?mei - Sekigunha (Bund der Kommunisten - Rote Armee Faktion) und 1971 die "Higashi Ajia hannichi bus? sensen" (Ostasiatische Antijapanische Bewaffnete Front). Der Schwerpunkt dieser Arbeit soll auf diesen beiden Gruppen liegen, das heißt erstens auf der Ky?sanshugisha d?mei - Sekigunha zwischen 1968 und 1970 und zweitens die Higashi Ajia hannichi bus? sensen, die zwischen 1971 und 1975 operierte. Beide Gruppen stehen als Fallbeispiele für eine globale ideengeschichtliche Diskontinuität, in der sich zwischen 1968 und der ersten Hälfte der 1970er Jahre die modern-kommunistischen Revolutionstheorien in postkolonial-antiimperialistische Theorien und Praktiken der Befreiung von Minderheiten veränderten. 1.1 Vom Zentrum in die Peripherie: Gang der Untersuchung Im Jahr 1967 begann die Studentenbewegung in Japan ihren Höhepunkt zu erreichen. Als Premierminister Sat? Eisaku (1901-1975) sich Anfang Oktober auf den Weg auf eine Reise durch Südostasien machen wollte, die auch Südvietnam mit einschloss, versuchten Studenten den internationalen Flughafen von T?ky?-Haneda zu besetzen und lieferten sich massive Straßenschlachten mit der Bereitschaftspolizei, bei denen ein Student ums Leben kam. Kurz bevor die noch vereinzelten Besetzungen an Universitäten in T?ky? auf das ganze Land übergriffen, lebte der spätere Anführer der Sekigun Shiomi Takaya in einer Wohngemeinschaft in der Kansai-Region, und war für die Kontakte zwischen den Studenten und seiner Studentenfaktion "Ky?sanshugisha d?mei" (Bund der Kommunisten, kurz: Bunto) verantwortlich. Eines Morgens - so erinnert sich Shiomi in einem autobiographischen Interview - sei er aufgewacht und habe unter seinem Kopfkissen ein Pamphlet seines Mitbewohners gefunden. Das Pamphlet mit dem Titel "Ein Aufruf von Guevara" hinterließ bei Shiomi einen derart bleibenden Eindruck, dass die Sekigun zwei Jahre später plante, ein Flugzeug nach Kuba zu entführen, um dort einen "internationalen Guerilla-Stützpunkt" aufzubauen (Shiomi Takaya 2003: 61). 18 Jahre später fand ein Interview zwischen dem Roman- und Sachbuchautor Matsushita Ry?ichi (1937-2004) und dem zum Tode verurteilten ehemaligen Anführer der Antijapanischen Front Daid?ji Masashi (geboren 1948) statt. Auf die Frage, was für Daid?ji der "Anlass für die Aufnahme des Kampfs" gewesen sei, in dessen Verlauf die Antijapanische Front zwischen Hochsommer 1974 und Frühjahr 1975 meh...
Globalgeschichte Herausgegeben von Sebastian Conrad, Andreas Eckert und Margrit Pernau Anlässlich des 40. Jahrestags von '1968' kam es 2008 in Deutschland zu einem Boom der öffentlichen Verarbeitung der Studentenbewegung. In Japan hingegen blieb die Erinnerung an die damaligen Ereignisse peripher. Dieses Buch erzählt erstmals überhaupt die Geschichte der politischen Theorie und Praxis der japanischen studentischen Neuen Linken in den unmittelbaren Jahren nach dem Ende der Studentenbewegung. Es gewährt Einblicke in einen globalen ideengeschichtlichen Bruch mit dem revolutionären Subjekt der kommunistischen und marxistischen Moderne hin zu der Beschäftigung mit sozialen und ethnischen Minderheiten, deren vermeintliche Befreiung in Japan zu terroristischer Praxis führte.
Autorenporträt
Till Knaudt, Dr. phil., ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Japanologie der Universität Heidelberg.
Herstellerkennzeichnung:
Beltz Verlagsgruppe GmbH & Co. KG
Werderstr. 10
69469 Weinheim
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E-Mail: info@campus.de










![Produktbild: [Die Befreiung Roms]](http://medien.umbreitkatalog.de/bildzentrale/978/311/107/2050.jpg)

























































































