Beschreibung
Einleitung Alles Leben ist Bewegung. Leonardo da Vinci "Mädchen, geh in die Schweiz und mach dein Glück!" Diesem sprichwört-lichen Rat folgten im Laufe des 20. Jahrhunderts Tausende deutsche und österreichische Frauen. Sie verließen ihre Herkunftsregionen, um als Dienst-, Kinder-, Küchen- oder Zimmermädchen, als Haushälterinnen, Serviertöchter, Buffetfräuleins oder Köchinnen in schweizerischen Privat-haushalten, Gastwirtschaften oder Hotels zu arbeiten. Die Lebensge-schichten dieser Frauen, die von den 1920er Jahren bis in die 1960er als Haus- oder Gastgewerbsangestellte in die Schweiz gingen, und die Migrati-onsbewegung, an der sie teilnahmen und die sie prägte(n), ist Gegenstand der vorliegenden Arbeit. Die weibliche Arbeitsmigration aus Deutschland und Österreich in die Schweiz hat bisher in der Forschung kaum Beachtung gefunden. Die Ver-mutung, dass dies an der schlechten Quellenlage oder der historisch-gesellschaftlichen Bedeutungslosigkeit der Thematik liegen könnte, ist schnell widerlegt. Dazu genügt es, einen Blick in die Statistiken der eidgenössischen Fremdenpolizei zu werfen, eine zeitgenössische Tageszeitung aufzuschlagen oder eine Fahrt im öffentlichen Verkehr durch das ländliche Österreich zu unternehmen. Als ich während einer Forschungsreise für diese Arbeit mit dem Bus durch das niederösterreichische Mostviertel fuhr, kam ich als einzige Passagierin schnell mit dem Fahrer ins Gespräch. Sofort bemerkte er meinen Schweizerakzent und begann von seinen Ferien in Davos zu schwärmen. Er besuche dort jedes Jahr seine Tante. Auf meine Frage, was eine Niederösterreicherin dazu bewogen habe, in die Bündner Alpen aus-zuwandern - mein Dissertationsthema hatte ich ihm noch nicht verraten -, antwortete er, dass "damals in den 50ern" doch "alle jungen Frauen" in die Schweiz gegangen seien. Seine Tante habe zuerst als Kellnerin gearbeitet, dann den Wirt geheiratet und das Restaurant übernommen. Schmunzelnd fügte er hinzu, er habe eben keinen reichen Onkel in Ame-rika, sondern eine reiche Tante in der Schweiz. Im sprichwörtlichen Sinn scheint diese in der Schweiz ihr Glück gemacht zu haben. Bemerkenswert an der Begegnung mit dem niederösterreichischen Busfahrer sind zwei Dinge. Erstens stellt er dem Prototyp des männlichen Überseewanderers, der üblicherweise als Normalfall erfolgreicher Auswanderung gilt, mit der (erfolg)reichen Schweizgängerin ein weibliches Pendant zur Seite. Zweitens hat mir diese Busfahrt vor Augen geführt, dass die Arbeitsmigration junger Frauen in die Schweiz - zumindest in gewissen Landesteilen und Familien - auch heute noch präsent ist und für die 1950er Jahre als Massenphänomen erinnert wird. In der Tat gehörte die Schweiz in den ersten sechs Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts sowohl in Deutschland als auch in Österreich zu den beliebtesten Destinationen für Arbeitsmigrant_innen. Die Schweiz, die weder im Ersten noch im Zweiten Weltkrieg Schäden erlitten hatte, lockte mit gutem Essen, hohen Löhnen, idyllischen Landschaften und unzerstör-ten Städten. "Es war für mich das Paradies", fasst die Österreicherin Maja Pichler, die von 1957 bis 1964 als Hotelangestellte in der Schweiz war, die Imaginationen vieler Schweizgängerinnen zusammen. Für die Wahl der Schweiz als Zielland waren neben den paradiesischen Vorstellungen vor allem die persönlichen Netzwerke der Migrantinnen von Bedeutung. Frauen, die bereits dort arbeiteten oder gearbeitet hatten, zogen ihre Ver-wandten und Freundinnen nach. Sie "zündeten" sich gegenseitig an, wie eine andere Schweizgängerin das in migrationshistorischen Kreisen als "Kettenmigration" bekannte Phänomen bezeichnet. Das Migrantinnen-netzwerk wurde auch von den Schweizer Arbeitgeber_innen genutzt. Nicht selten baten diese ihre ehemaligen Angestellten darum, in ihrem Bekanntenkreis nach einer Nachfolgerin zu suchen. In der Schweiz herrschte nämlich seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert ein viel beklagter Hausangestelltenmangel. Ab Mitte der 1930er Jahre und insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg, als der Fremdenverkehr in der Schweiz einen großen Aufschwung erfuhr, wurde auch im Gastgewerbe das Fehlen von weiblichen Hilfskräften proklamiert und heftig diskutiert. Um den Personalmangel zu bekämpfen, griffen Arbeitgeber_innen besonders gerne auf die deutschen und österrei-chischen Frauen zurück, denn diese galten als arbeitsam und anspruchslos. Das Zusammenwirken dieser verschiedenen migrationsfördernden Faktoren hatte zur Folge, dass sich im Untersuchungszeitraum die weibli-che Arbeitsmigration aus Deutschland und Österreich in die Schweiz zum Wanderungssystem verfestigte. In der Migrationsforschung wird darunter eine "relativ stabile und lang anhaltende migratorische Beziehung zwischen einer Herkunfts- und Zielregion" verstanden. Das etablierte Wanderungssystem, das vor allem über soziale Beziehungen aufrechter-halten wurde, bot (jungen) Frauen die Möglichkeit, von zu Hause fortzu-gehen. Die Gründe dafür reichen vom Ausbrechen aus dem Elternhaus, über das Stillen der Abenteuerlust bis zum Bedürfnis, sich weiterzubilden oder mehr Geld zu verdienen. Die Zahl der Frauen, die an dieser Migrationsbewegung teilnahmen, ist hoch. Abgesehen von den Kriegsjahren arbeiteten von 1920 bis 1960 jährlich geschätzt 30.000 Deutsche und Österreicherinnen in schweizeri-schen Haus- und Gastwirtschaften. Auch wenn es sich bei dieser Zahl - aufgrund lückenhafter und uneinheitlicher Statistiken - um einen Richtwert handelt, zeigt sie doch, dass die hier untersuchte Migrationsbewegung kein marginales Phänomen war. Im Untersuchungszeitraum stellten die Deutschen und Österreicherinnen den größten Anteil an den weiblichen ausländischen Haus- und Gastgewerbsangestellten in der Schweiz. Im Hausdienst stammten 1930 von den insgesamt 110.600 weiblichen Hausangestellten gut 29 Prozent (32.500 Personen) aus den benachbarten Staaten mehr als 81 Prozent davon aus Deutschland (23.100 Personen) und Österreich (3.500 Personen). 1960 betrug der Ausländerinnenanteil an den 81.600 weiblichen Angestellten im schweizerischen Hausdienst sogar 36 Prozent (29.500 Personen). Davon kamen immer noch 56 Prozent aus Deutschland (12.600 Personen) und Österreich (4.000 Personen). Im Gastgewerbe arbeiteten 1920 insgesamt 50.600 Frauen, wovon knapp 20 Prozent (10.000 Personen) nicht in der Schweiz geboren sind. Mit einem Prozentsatz von fast 64 Prozent waren auch hier die Deutschen (5.100 Personen) und Österreicherinnen (1.250 Personen) stark vertreten. Vierzig Jahre später, im August 1960, waren 38.100 Ausländerinnen im schweizerischen Gastgewerbe tätig. 40 Prozent davon kamen aus Deutschland (7.250 Personen) und Österreich (8.200 Personen). Die Lebensgeschichten der Frauen, die sich hinter den statistischen Zahlen verbergen, und ihre Erzählungen über die Migrationserfahrung stehen im Zentrum meines Interesses. Fragestellungen, Herangehensweise und Begründung des Untersuchungszeitraums Grundlegende Prämisse meiner Arbeit ist das Verständnis von Migration als einem lebensgeschichtlichen Prozess. Das heißt, Migration wird nicht nur als Mobilität im geografischen Raum definiert, sondern auch als Bewegung im lebenszeitlichen Sinn verstanden. Durch das Unterwegs-Sein und den Ortswechsel machen Migrant_innen Erfahrungen in neuen sozialen und kulturellen Räumen. Dies prägt ihre biografischen Perspektiven und verändert ihre lebensweltlichen Deutungen. Gleichzeitig sind bei freiwilligen Migrationen die biografischen Hintergründe der Migrant_innen bedeutsam für die Migrationsentscheidung und die Lebensgestaltung in der Migration. Demnach analysiere ich, anhand von biografisch-narrativen Interviews und autobiografischen Aufzeichnungen, die Migrationserzählungen in ihrem jeweiligen lebensgeschichtlichen Kontext. Ich frage danach, wie ehemalige Schweizgängerinnen ihre Migrationserfahrung vor dem Hintergrund ihrer Kindheit und Jugend und in der Perspektive auf ihr späteres Lebens erzählen. Ausgehend von der Kritik an einem Umgang mit lebensgesc...
Autorenporträt
Andrea Althaus, Dr. phil., ist Zeithistorikerin.
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69469 Weinheim
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