Beschreibung
1. Einleitung 1.1. Militär und Kolonialismus vom Deutschen Kaiserreich bis zum Nationalsozialismus: Konturen und Engführungen der Kontinuitätsdiskussion Dieses Buch untersucht einen verschütteten Aspekt der Geschichte des deutschen Militärs - den Einfluss der Globalisierung des 19. Jahrhunderts auf das Denken und Handeln deutscher Offiziere vor dem Ersten Weltkrieg. Noch vor wenigen Jahren hätte eine solche Fragestellung wohl Erstaunen ausgelöst. Die äußere Politik der deutschen Großmacht Preußen und später der Deutschen Reiches galt lange Zeit als fast ausschließlich auf Europa konzentriert, die übrigen deutschen Staaten als provinziell und den großen Verläufen internationaler "Weltpolitik" noch weiter entrückt. Gerade deren Militär als Palastgarde der Vormoderne sei ohne Interesse an oder gar Einflussmöglichkeiten auf internationale Zusammenhänge gewesen. Heute drängt sich der entgegengesetzte Einwand auf, ob die mittlerweile in vielfältigen Untersuchungen herausgearbeitete globale Dimension der deutschen Geschichte des 19. Jahrhunderts überhaupt noch wichtige Leerstellen aufweist. Tatsächlich hat die historische Forschung zur deutschen Geschichte ihren lange Zeit vorherrschenden Eurozentrismus und ihre nationalstaatliche Verengung inzwischen weitgehend überwunden. Dafür waren zwei Impulse entscheidend. Erstens ist die Rezeption neuerer Arbeiten zur Epoche der ersten Globalisierung zu nennen, die bereits im "langen 19. Jahrhundert" zu einer weltweiten Vernetzung und Beschleunigung von Handelsverbindungen, Finanzströmen, Informationskanälen und Migrationsbewegungen führte, von denen auch die deutschen Staaten bzw. ab 1871 das Deutsche Reich nicht unbehelligt blieben. Vor diesem Hintergrund wird heute die Geschichte der deutschen Auswanderungsbewegung, der Wirtschaftsentwicklung der deutschen Staaten und auch der Entstehung des deutschen Nationalstaates nicht mehr germano- oder eurozentrisch, sondern transnational und in konstitutiver Wechselwirkung mit globalen Zusammenhängen verstanden. Zweitens geriet seit Anfang der 2000er Jahre eine weitgehend vergessene Episode deutscher Geschichte wieder in den Vordergrund, die für die Zeitgenossen ganz selbstverständlich die Einbettung Deutschlands in die globalen Zusammenhänge des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts belegte. Diese Episode ist die kurze Teilnahme des Deutschen Kaiserreichs am kolonialen Wettbewerb der europäischen Großmächte, die mit dem Erwerb sogenannter "Schutzgebiete" in Afrika ab 1884 begann und mit dem Verlust der deutschen Kolonien im Ersten Weltkrieg endete. Diese formal nur 30 Jahre dauernde Geschichte des deutschen Kolonialismus hat seit einigen Jahren in zweierlei Hinsicht neues Interesse gefunden: einerseits als Teil der globalen Mächtekonkurrenz am Ende der ersten Periode der Hochglobalisierung bis 1914 und andererseits als erster Kulminationspunkt einer Gewaltgeschichte der europäischen Moderne, die - so die berühmte These Hannah Arendts - vom europäischen Imperialismus über den Ersten Weltkrieg bis zur Shoah führte. Insbesondere die Frage nach möglichen Kontinuitäten vom deutschen Kolonialkrieg in "Deutsch-Südwestafrika", dem heutigen Namibia, bis in den Zweiten Weltkrieg hat zu einer lebhaften Debatte über Eigenart und historische Bedeutung des deutschen Kolonialismus einerseits und die kolonialen Dimensionen des Nationalsozialismus andererseits geführt. Empirisch ertragreich war diese Auseinandersetzung vor allem durch eine ganze Reihe neuer und innovativer Untersuchungen zur Geschichte der einzelnen deutschen Kolonien, ihren Verbindungen und Austauschbeziehungen mit den Kolonien anderer Mächte oder zur Stellung des deutschen Kolonialismus innerhalb des imperialen Weltsystems vor dem Ersten Weltkrieg. Auch verfügen wir heute über grundlegend bessere Kenntnisse über die Geschichte der kolonialen Militärapparate, der alltäglichen kolonialen Gewaltherrschaft und der deutschen Kolonialkriege und hier insbesondere des Krieges gegen die Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika. Auch haben verschiedene militärische Protagonisten der deutschen Kolonialkriege inzwischen biographische Aufmerksamkeit gefunden. Doch bei allem produktiven Wert hat die Debatte um mögliche Kontinuitäten zwischen dem Kolonialkrieg des Deutschen Kaiserreiches in Deutsch-Südwestafrika und dem Vernichtungskrieg der Nationalsozialisten in Europa auch zu Einseitigkeiten geführt und wichtige Leerstellen offen gelassen, die im Folgenden diskutiert und teilweise korrigiert bzw. gefüllt werden sollen. Natürlich sind vergangene Ereignisse grundsätzlich nicht vollständig rekonstruierbar und perspektivische Verengungen geradezu die Voraussetzung jeder historischen Forschungsanstrengung. Für die hier im Mittelpunkt stehende Geschichte des deutschen Militärs im Zeitalter der ersten Globalisierung sind einige der bestehenden Lücken und Vereinfachungen jedoch nicht einfach die Folgen einer bestimmen Forschungspragmatik oder Erzählstrategie. Sie beruhen vielmehr auf unhinterfragten Vorannahmen über den Untersuchungsgegenstand selbst, welche die Ergebnisse der historischen Forschungsarbeit und damit auch unser Verständnis des Verhältnisses von Militär und Globalisierung vor dem Ersten Weltkrieg prägen. Insbesondere drei Komplexe von Voraussetzungen sind es, die für die Anlage der vorliegenden Untersuchung eine besondere Rolle spielen. Erstens ist die Konzentration auf die Vernichtung der Herero und Nama (1904-1907) als Fluchtpunkt der Beschäftigung mit dem deutschen Kolonialismus aus moralischer und erinnerungspolitischer Sicht ohne Zweifel berechtigt. Analytisch jedoch ist diese Perspektive beschränkt und steht im Ergebnis auch einer befriedigenden erinnerungspolitischen Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte im Weg. Denn die leitende Frage nach möglichen Kontinuitäten vom Krieg gegen die Herero und Nama zu den Verbrechen des Zweiten Weltkriegs verleitet dazu, die "Frühform des totalen Krieges" in Deutsch-Südwestafrika als Ausgangspunkt entsprechender Untersuchungen zu setzen, ohne wiederum dessen eigene Voraussetzungen und eventuelle Kontinuitäten in der vorangegangenen deutschen Kolonial- und Militärgeschichte in den Blick zu nehmen. Dies gilt besonders für langfristige Kontinuitätslinien hinter die Reichsgründung von 1871 zurück, da in dieser Perspektive schon die Kontinuität der politischen und territorialen Grundeinheit "Deutschland" in Frage steht, die für das Verhältnis von "Zweitem" und "Drittem Deutschen Reich" trotz aller Brüche des frühen 20. Jahrhunderts einige Plausibilität besitzt und auch für die Mehrheit der Zeitgenossen der eigenen biographischen Erfahrung entsprach. Zweitens steht die Frage des unter Kontinuitätsaspekten untersuchten Zeitraums in unmittelbarem Zusammenhang mit der Frage nach dem zugrunde gelegten geographischen Raum. Beide Grundkoordinaten zusammen bestimmen maßgeblich den Inhalt der deutschen Kolonialerfahrung, die mit der nationalsozialistischen Besatzungs- und Vernichtungspolitik in Beziehung gesetzt werden soll. Schon aus phänomenologischen und begrifflichen Gründen war es naheliegenderweise zunächst der deutsche Kolonialkrieg in Südwestafrika, in dessen Verlauf die ersten deutschen "Konzentrationslager" für gefangene Herero und Nama errichtet und auch entsprechend benannt wurden und der Einflüsse auf spätere Verbrechen nahe legte. Doch lassen sich Beispiele für Ansätze einer totalisierten Kriegführung gegen die Zivilbevölkerung, für rassistisch segregierte Kolonialgesellschaften oder für ausgreifende Raumordnungsphantasien auch in anderen deutschen Kolonien finden, die im Vergleich zu Deutsch-Südwestafrika als Ausgangspunkt der Kontinuitätsdiskussion bisher weniger Aufmerksamkeit gefunden haben. Dies gilt noch mehr für Territorien außerhalb der formalen "Schutzgebiete" des Deutschen Kaiserreiches wie die verschiedenen informellen deutschen Einflussgebiete - etwa im Osmanischen Reich oder in Teilen von China - oder für Räume, die lediglich Objekte imperialer...
Autorenporträt
Christoph Kamissek, Dr. phil., studierte Geschichte, Philosophie und Völkerrecht und ist Referent im Auswärtigen Amt in Berlin.
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