Beschreibung
1. Einführung Frauen mussten unter Schmerzen gebären, Kleinkindern wurde die Schmerzempfindung abgesprochen, Männlichkeit zeichnete sich durch Gleichmut gegen Schmerzen aus - das galt in weiten Teilen noch bis zum Ende des 20. Jahrhunderts. Solche Auffassungen sind aber nicht mehr en vogue, es hat sich etwas geändert. Deren Akzeptanz ist geschwunden, in Deutschland wie in anderen Ländern. Die Auffassungen über Schmerzen sind nicht immer deckungsgleich mit dem, was "Experten" über Schmerz sagen. Wie haben sich Experten in diesem Wandlungsprozess des Schmerzes angenommen und wie war dies in Einklang zu bringen mit den Erwartungen derjenigen, die unter den Schmerzen litten, den Patientinnen und Patienten? Verortet wird die Expertenschaft allgemein bei der Medizin oder den Natur- und Kulturwissenschaften, wobei das letzte Wort viele für sich reklamieren. Das 20. Jahrhundert zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass die Deutungshoheit darüber, was Wissen ist und was dann zu wissen war, wenn nicht ideologische Bevormundung griff, zu einem großen Teil den Wissenschaften zugesprochen wurde [114]. Auf die eine oder andere Weise gerieten Debatten, die in den Wissenschaften geführt wurden, auch in breitere Kreise der Bevölkerung, ohne dass ursprüngliche theoretische Ansätze dann noch aufzuspüren sein mussten. So verhält es sich beispielsweise mit einer Studie der US-amerikanischen Literaturwissenschaftlerin Elaine Scarry [681], die in den Kulturwissenschaften seit 1985 weite Kreise zog, während sie durch die Radikalität ihres Ansatzes seither das Potential hat, außerhalb von fachwissenschaftlichen Erörterungen Verwirrung zu stiften. Ohne religiöse Auslegungen bemühen zu müssen, betrachtete Scarry Schmerz und das Zufügen von Schmerzen in einem Zusammenhang. Im Extrem der Folter oder des Krieges würde die Welt des Opfers zerstört. Kulturelle Schöpfungen seien in der Lage, gerade das Gegenteil zu bewirken - indem der menschliche Körper nämlich befähigt würde, sich durch ihre Anwendung der zerstörerischen Kraft des Schmerzes zu widersetzen und ihn zu überwinden. Scarrys universell angelegter Erklärungsansatz wirft auch ein Schlaglicht darauf, dass das Streben nach dem ganz großen Wurf - was ist das Wesen des Schmerzes, lautet hier die Gretchenfrage - unendlich viel Platz lässt für Details, Interpretationen, subtile Differenzierungen, aber auch für prätentiöses Auftreten, wie es sich in anderen Publikationen niedergeschlagen hat. Denn es gibt keine Begriffe in den Kulturwissenschaften, die noch universeller angelegt sein können als die Begriffe "Kultur" und "Schmerz". Zum anderen ist Scarrys Monografie The Body in Pain (Der Körper im Schmerz) aus dem Jahr 1985 selbst schon ein (zeit-)historisches Dokument, indem es die politischen Bedingungen der Reagan-Ära in den USA widerspiegelt. Ab 1981 wurden Patienten, die unter chronischem Schmerz litten, im konservativen politischen Klima der USA argwöhnisch beäugt, da man "gelernte Hilflosigkeit" als gängigen verursachenden Faktor ansah und diejenigen, die darunter litten, wegen ihrer Schwäche anklagte [850]. Scarrys Studie kann als Stellungnahme gelesen werden, die Bestrebungen, lang andauernden, chronischen Schmerzen medizinisch zu Leibe zu rücken ("management of pain"), nicht zu unterbinden. Sie ist selbst politisch, was zugleich ein Schlaglicht darauf wirft, dass die Geschichte der Schmerztherapie immer auch Politikgeschichte ist. Schmerzen sind eine Empfindung, Schmerz ist aber auch ein Gefühl. Die Beschäftigung mit Gefühlen ist zu Beginn des 21. Jahrhunderts in der Philosophie und in den Kognitionswissenschaften in den Vordergrund gerückt. Dabei herrscht kein Konsens bei der Beantwortung der Frage, ob und wie "Emotion" und "Gefühl" voneinander abzugrenzen sind. Der Neurowissenschaftler António Damásio beispielsweise hat in seinem Buch Self comes to mind eine Theorie entwickelt, in der er "Gefühl" zum Derivat von "Emotion" erklärt [137]. In einem großangelegten "Philosophy of Mind"-Projekt haben Bennett und Hacker 2003 sprachphilosophische Klarheit im Begriffsrepertoire der Neurowissenschaften angestrebt. Emotionen sind demnach als Unterklasse der Affektionen anzusehen, und Affektionen könnten allgemein in Emotionen, Erregungen und Stimmungen eingeteilt werden. Weiter heißt es: "Affektionen sind Gefühle, kategorial aber von solchen Gefühlen zu unterscheiden, die Empfindungen, taktile Wahrnehmungen oder Triebe sind" [56]. Geschichtswissenschaftler wiederum haben darauf hingewiesen, dass landessprachliche Unterschiede bei der Etablierung des Begriffs "Emotion" eine Rolle gespielt haben. Dieser ist - im Unterschied zum "Gefühl" - neueren Datums. Um 1900 sprach man beispielsweise im Deutschen von "Gefühlen", "Empfindungen" oder "seelischen Regungen", im Französischen von "sentiments", während der Begriff "emotion" im Englischen in den 1880er Jahren von William James und Carl Lange eingeführt worden war [766]. Die Rede von Gefühlen, Affekten oder Stimmungen begann sich diskursiv auf den Begriff der Emotion zu konzentrieren [680]. Dies scheint auch Ausdruck des Bestrebens gewesen zu sein, den entsprechenden Gegenstandsbereich in der naturwissenschaftlichen Forschung besser bestimmen zu können. Das "Labor" der naturwissenschaftlich ausgerichteten Forscher sollte demgegenüber bewusst rational sein. Folgt man den Ergebnissen der historischen Labor-Studien (Experimentalsystem-Analysen) des israelischen Medizinhistorikers Otniel E. Dror, entsprach es bis in die 1920er Jahre, der Zeit der Klassischen Moderne [593], sowohl dem Denkstil der Physiologie wie auch jenem der Psychologie, dass Emotionen im emotional neutralen Labor gezielt und isoliert hervorgebracht werden sollten [176]. Im "Maschinenmodell" des menschlichen Körpers, wonach der Körper als berechenbare Maschine interpretiert wurde, waren es jedoch gerade die Störungen im experimentellen Ablauf des Labors, die als Emotion imponierten. Sie repräsentierten das Nicht-Mechanistische, Vitalistische [175]. In seiner Analyse der Schmerzforschung im 19. Jahrhundert beschäftigt sich Dror mit viszeralen Emotionen (Emotionen, ausgedrückt in Vorgängen innerer Organe), die indirekt experimentell gemessen wurden. Er nimmt dabei Bezug auf die Methodik naturwissenschaftlichen Arbeitens im Labor: "The turn to the viscera in the study of emotions and the construction of visceral emotions partly drew on and grew out of the physiology of pain" [177]. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts konzentrierten sich die Physiologen laut Dror dann auf adrenalin-gesteuerte emotionale Regungen, die im Labor erzeugt und untersucht wurden [178]. Das vorliegende Buch ist jedoch keine Experimentalsystem-Analyse, und es geht in ihm auch nicht um die Schmerzforschung als solche. Menschen mit chronischen Schmerzen wandten sich hilfesuchend an Therapeuten, deren Aufgabe es war, (Ab-)Hilfe zu leisten. Ihr Repertoire gründete auf die eine oder andere Weise auf Theorien, die allgemein vertreten wurden. Diese theoretischen Einflüsse werden zwar genannt und erläutert, aber der Schwerpunkt liegt auf der praktischen Tätigkeit der Therapeuten. Der Grund für diese Fokussierung ist folgender. Auf den ersten Blick erscheint es als paradox, dass einerseits so viel über Schmerz geschrieben werden kann, als sei das Phänomen Schmerz konturlos oder in seiner Bedeutung uferlos. Andererseits hat schon Elaine Scarry erläutert, dass die Erfahrung des Schmerzes in letzter Konsequenz nicht mitteilbar ist. Der vorliegenden Untersuchung liegt die Annahme zugrunde, dass es eine sinnvolle Vorgehensweise sein kann, diese Klippe zu umschiffen, indem historische Entwicklungen des Umgangs mit chronischen Schmerzen in therapeutischen Zusammenhängen erörtert werden. Dabei ist das Spezifikum des 20. Jahrhunderts in dem Umstand zu sehen, dass sich die Rede vom chronischen Schmerz erst zu etablieren begann. Wer von Schmerztherapie redet, meint zumeist die Therapie chronischer Schmerzen. Dem spanischen Wissenschaftshistori...
Autorenporträt
Dr. Wilfried Witte ist Medizinhistoriker und Professor für Schmerzmedizin am Universitätsklinikum OWL der Universität Bielefeld.
Herstellerkennzeichnung:
Beltz Verlagsgruppe GmbH & Co. KG
Werderstr. 10
69469 Weinheim
DE
E-Mail: info@campus.de




































































































