Kolonialismus und Islam

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Deutsche und britische Herrschaft in Westafrika (1900-1914), Globalgeschichte 27

ISBN: 3593506769
ISBN 13: 9783593506760
Autor: Gottschalk, Sebastian
Verlag: Campus Verlag in der Beltz Verlagsgruppe
Umfang: 324 S.
Erscheinungsdatum: 17.08.2017
Auflage: 1/2017
Format: 2 x 21.3 x 14.1
Gewicht: 420 g
Produktform: Kartoniert
Einband: Paperback

Welche Rolle spielte der Islam für die koloniale Herrschaft in den muslimisch geprägten Regionen Kameruns und Nordnigerias? Sebastian Gottschalk legt überzeugend dar, wie die islamisch geprägten Eliten und Strukturen in die Herrschaftsapparate der deutschen und britischen Kolonialmächte eingebunden wurden – aber auch, wie sie islamische Widerstandsbewegungen formierten. Das Buch eröffnet ein Spektrum von Perspektiven auf die Kolonialherrschaft: Verflechtungen zwischen Kolonien und Metropole geraten ebenso in den Blick wie solche, die die Entwicklungen vor Ort mit transregionalen und globalen Prozessen in Verbindung brachten.

Artikelnummer: 416556 Kategorie:

Beschreibung

1. Einleitung Thema und Fragestellung Kolonialismus und Islam, dieses Begriffspaar weckt zunächst Assoziationen eines Gegensatzes: Der europäische Orientalismus konstruierte den zumeist islamischen Orient als negatives Gegenbild zum fortschrittlichen Europa - eine Sichtweise, die, wie Edward Said prominent demonstrierte, die imperiale Beherrschung "des Orients" mental vorbereitet, wenn nicht geradezu prädestiniert hat. Die Gebiete des mit inneren wie äußeren Problemen kämpfenden osmanischen Reiches gehörten zu den begehrtesten Objekten des europäischen Imperialismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In Afrika südlich der Sahara war der arabische Sklavenhändler islamischen Glaubens ein zentraler Topos der europäischen Anti-Sklaverei-Rhetorik, welche oft einherging mit der Forderung nach einer kolonialen Intervention und Besetzung zur Beseitigung des Sklavenhandels auf dem afrikanischen Kontinent. Auch wenn die jüngere Forschung gezeigt hat, dass Missionsgesellschaften und Kolonialbehörden keine kongruenten Ziele hatten und daher nicht immer harmonisch Hand-in-Hand arbeiteten, gehörte die christliche Missionierung der Welt - und damit die Eindämmung, wenn nicht gar Zurückdrängung des Islam - zum Kernbestand imperialer Ideologie des 19. Jahrhunderts. Zu dieser Zeit lebten bereits Millionen von Muslimen in Nordafrika, Süd- und Südostasien unter der Herrschaft christlicher Kolonialmächte. Flächendeckende bewaffnete Widerstandsbewegungen unter den zahlreichen kolonialen Untertanen islamischen Glaubens gehörten dabei fest in das Arsenal imperialer Schreckgespenster; die Angst vor einem umfassenden Widerstand der Muslime gegen die europäische Kolonialherrschaft war um 1900 in den Kolonialbehörden fast aller europäischen Kolonialmächte verbreitet. Muslime erschienen in dieser Perspektive vor allem als sinnlich-dekadente Vertreter einer Kultur im Niedergang, sie galten als erbitterte Gegner der europäischen mission civilisatrice, die wegen ihrer angeblichen Neigung zu Gewalt und religiösem Fanatismus besonders gefürchtet waren. Gleichzeitig waren muslimische Eliten aber in allen europäischen Kolonialreichen in die kolonialen Herrschaftsstrukturen eingebunden. Gerade innerhalb des britischen Empire betonten wichtige Kolonialfunktionäre daher auch eine dem Missionierungsgedanken zuwiderlaufende religiöse Neutralität und erklärten die britische Monarchin zur Schutzherrin kolonialer Untertanen aller Religionen. Auch in den französischen Kolonien in Nordafrika - vor allem in Algerien - entwickelten die Kolonialadministratoren eine Haltung zum Islam, die eine Kooperation zumindest mit Teilen der lokalen Eliten ermöglichte. Dabei nahmen die Kolonisatoren einen Blickwinkel auf den Islam ein, der den zuvor skizzierten Repräsentationen in vielem widersprach: Aus dieser Perspektive waren die muslimischen Kolonialuntertanen, und besonders die muslimischen Eliten der jeweiligen Kolonialgebiete, nicht unberechenbare, zu Irrationalität und Gewalt neigende religiöse Fanatiker, sondern erschienen vielmehr als Vertreter einer alten und der europäischen relativ ähnlichen Kultur, die, wenn sie auch in der Entwicklung weit hinter der europäischen zurückgeblieben war, dennoch über gesellschaftliche und politische Institutionen verfügte, welche sich zur kolonialen Beherrschung der betreffenden Gebiete vortrefflich einspannen ließen. Die europäische Sicht auf das, was man zu dieser Zeit die "islamische Welt" zu nennen begann, war damit äußerst ambivalent: Einerseits war der Islam das irrationale und rückschrittliche Gegenbild zum aufgeklärten und fortschrittlichen Europa, andererseits erschienen Muslime in einer sich globalisierenden Welt, in der die europäischen Kolonisatoren einer Vielzahl ihnen fremder Kulturen begegneten, als Vertreter einer vergleichsweise vertrauten und beherrschbar erscheinenden Nachbarzivilisation, die für das koloniale Projekt wertvolle Verbündete sein konnten. Um 1900 herum gelangten nun islamisch geprägte Gebiete im afrikanischen Sudangürtel unter die Herrschaft verschiedener europäischer Kolonialmächte, die zuvor nicht auf der europäischen Landkarte der "islamischen Welt" aufgetaucht waren, und über deren gesellschaftliche Verhältnisse und politische Verfasstheit in Europa nur wenig bekannt war. Im westlichen Sudangebiet, einer Großregion, die sich zwischen dem Südrand der Sahara und dem Nordrand des tropischen Regenwaldes vom Senegal bis zum Tschadsee erstreckt, trafen die Kolonisatoren dabei auf großflächige Herrschaftsformationen, die nicht nur von einer islamischen Elite beherrscht wurden, sondern deren Bevölkerung auch zu einem größeren Teil aus Muslimen bestand. Zu den größten dieser westafrikanischen Herrschaftsverbände gehörten das Kalifat von Sokoto, das zu Beginn des 19. Jahrhunderts in einer breiten Jihad-Bewegung entstanden war, und das jahrhundertealte islamische Reich von Kanem-Bornu in unmittelbarer Nachbarschaft des Tschadsees. Beide Reichsformationen wurden im Zuge kolonialer Eroberungsfeldzüge in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts zwischen den Kolonialmächten aufgeteilt, wobei - abgesehen von kleineren Gebieten unter französischer Herrschaft - der größere Teil beider Reiche im britischen Protektorat Nordnigeria aufging, während der jeweils kleinere Teil zur deutschen Kolonie Kamerun geschlagen wurde. Zum Zeitpunkt der kolonialen Eroberung dieser Gebiete auf dem Höhepunkt des so genannten scramble for Africa war das Wissen der europäischen Invasoren über die ihnen begegnenden Menschen und ihre Gesellschaften nicht nur äußerst begrenzt, es steckte auch voller Widersprüche. Zwar sprachen die wenigen Berichte von europäischen Forschungsreisenden, welche die äußerst knappe Grundlage des europäischen Wissens über diese Gebiete bildeten, von großen und wirtschaftlich prosperierenden islamischen Reichen und die Hoffnung auf reiche Landstriche und profitable neue Absatzmärkte war ein wesentlicher Antriebsfaktor für das europäische Ausgreifen in den Sudangürtel. Doch fußten diese Vorstellungen mehr auf wirtschaftlichen Hoffnungen und imperialen Schwärmereien als auf belastbarem und widerspruchsfreiem Wissen. Denn gleichzeitig lagen die betreffenden Gebiete im Kernland des afrikanischen Kontinents, der im Europa des 19. Jahrhunderts als geschichts- und kulturlos galt und dessen Bewohner man in einem ursprünglichen Naturzustand wähnte - eine Repräsentation des Kontinents und seiner Bewohner, die zur Vorstellung blühender islamischer Reiche in einem gewissen Widerspruch stand. Und schließlich waren Muslime aus europäischer Sicht ohnehin schwer einzuschätzen: Musste man sie als fortschrittsfeindliche religiöse Fanatiker fürchten oder konnte man sie als vergleichsweise zivilisierte Anhänger einer vertrauten Nachbarkultur zu seinen Verbündeten machen? Die afrikanischen Muslime des Westsudans bildeten damit einen Kreuzungspunkt zweier europäischer Diskurse über die außereuropäische Welt und vereinigten Repräsentationen auf sich, die sich nicht ohne weiteres zur Deckung bringen ließen: Waren sie Afrikaner, so konnten sie eigentlich keine Kultur besitzen, waren sie aber Muslime, mussten sie eine Kultur haben, die sich möglicherweise sogar für die Zwecke des kolonialen Projektes einspannen ließ - neigten aber womöglich zu gefährlichem religiösem Fanatismus. Dieses doppelte Spannungsverhältnis in den europäischen Diskursen über die ihnen begegnenden außereuropäischen Anderen ist der Ausgangspunkt der vorliegenden Untersuchung deutscher und britischer Kolonialherrschaft über Muslime in Kamerun und Nordnigeria. Die Frage nach den Auswirkungen dieser doppelt ambivalenten Repräsentationen der westafrikanischen Muslime auf die Ausgestaltung der kolonialen Herrschaftsbeziehungen und die Praxis kolonialer Herrschaft steht im Zentrum der Arbeit. Inwiefern bestimmten die Vorstellungen der europäischen Kolonialfunktionäre davon, wie Muslime und ihre gesellschaftlichen und politischen Institutionen einzuschätzen waren, den Umgang der Kolonisato...

Autorenporträt

Sebastian Gottschalk war wiss. Mitarbeiter an der FU Berlin; derzeit arbeitet er am Deutschen Historischen Museum.

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