Beschreibung
1 Die große Frau mit solariumgebräunter Haut, die heute Abend meine Dienste in Anspruch nimmt, heißt Cassandra. Sie ist mittleren Alters, trägt ein farblich abgestimmtes Kaschmiroutfit in Beigetönen und ein Goldcollier um den Hals. Ich beobachte ihre beherrschten Gabelführungen zum Mund und wie sie sich die Lippen mit der Serviette abtupft. Dabei strahlt sie etwas Prätentiöses aus, das ich kaum ertrage, aber auch etwas Bemühtes, das sie wieder menschlich macht. Als sie merkt, dass ich sie beobachte, zwinkert sie und flüstert 'Ausgezeichnet', als hätte ich sie etwas gefragt. Momo, der neben mir sitzt, ist für ihre Freundin Penelope zuständig. Er hat mir verraten, dass insgeheim ihr Ehemann für die Dates bezahlt und sie sich beim Sex für ihn filmen, eine Art Fremdgeh-Roleplay. Penelope ist ein paar Jahre jünger und wesentlich unsicherer als Cassandra, leicht bemerkbar an ihrem nervösen Lachen und Lockenzwirbeln. Der unangenehm rosige Geruch ihres Parfüms steigt mir jedes Mal in die Nase, wenn ich meinen Kopf neige. Zu viert sitzen wir in einem Restaurant, in dem überall Ziertücher von der Decke hängen, und es spielt öde Klaviermusik. Penelope wendet sich an Momo und meint, dass er heute Abend 'blendend' aussehe, während Cassandra uns eine weitere Flasche Moët bestellt. Seit einer Viertelstunde habe ich meine Garnelen nicht angerührt, dafür kippe ich ein Glas Champagner nach dem anderen runter und lächle angestrengt. 'Hast du keinen Hunger?', fragt Cassandra gespielt fürsorglich. 'Nein', antworte ich und kassiere einen mahnenden Seitenblick von Momo. Bisher finde ich nicht wirklich in meine Rolle. In meinem eng geschnittenen Sakko von Valentino fühle ich mich wie verkleidet, und mir fällt nichts Geistreiches ein, das ich der Runde mitteilen könnte. Momo sagt, dass es wirklich vorzüglich schmecke, dabei benutzt er tatsächlich das Wort 'vorzüglich' und lehnt sich auf eine Art über den Tisch, als wären wir bereits ein eingeschworenes Grüppchen. Cassandra beeindruckt das kaum. Sie versucht, das Gespräch anzukurbeln, und will wissen, was Momo und ich in unserer Freizeit unternehmen. Momo erzählt, dass er gern schwimmen gehe, Hanteltraining betreibe und irgendeinen Schwachsinn darüber, wie er es liebe, zu wandern und Ski zu fahren. Ich kenne Momo seit dem Kindergarten und weiß, dass er in seinem ganzen scheiß Leben noch kein einziges Mal auf Skiern gestanden hat, noch nicht einmal auf einem Schlitten habe ich ihn sitzen sehen, und selbst während unserer kurzen Skateboardphase hat er sich darauf beschränkt, auf der Halfpipe hockend zu kiffen und sich Memes auf dem Handy reinzuziehen. Cassandra hakt nach und fragt ihn, ob er schon mal eine bestimmte Therme in Kitzbühel besucht habe, sie könne diese sehr empfehlen, vor allem, wenn man zu zweit ein paar romantische Tage verbringen möchte, und weil Momo es nicht erträgt, sich auch nur eine Sekunde lang unkultiviert zu fühlen, nickt er wie selbstverständlich und antwortet: 'Hin und wieder, ähm, bin ich im Winter dort anzutreffen, ja.' In der kurzen Pause, die darauf folgt, wird klar, dass auch von mir eine Auskunft über meine Hobbys erwartet wird, allerdings weiß ich nicht, was Cassandra hören will, also behaupte ich, dass ich gern Romane lese und mich für Musik interessiere, wobei es sich um dreiste Lügen handelt. 'Ein Leben ohne Bücher ist wie eine Kindheit ohne Märch-', setzt Penelope an, doch Cassandra unterbricht sie und möchte wissen, was meine 'bevorzugte Lektüre' sei. Ich erinnere mich flüchtig daran, in der Schulzeit einmal ein paar Seiten Don Quijote gelesen zu haben. 'Spanischsprachige also, Literatur', antworte ich darum und beschäftige mich eingehend mit den Kohlensäurebläschen in meinem Champagnerglas. Cassandra erzählt daraufhin irgendetwas von Schriftstellern aus Lateinamerika, von surrealistischen Romanen und einer Reise nach Chile, macht eine Andeutung, wie heiß die Männer dort aussähen, und ich stochere nur in meinem Essen herum, ertränke eine hilflose Garnele in Chilisoße. Obwohl ich den Vibe am Tisch nicht fühle, ist mir klar, dass ich für meine Bezahlung irgendetwas leisten muss, darum frage ich Cassandra, was eigentlich ihre Hobbys seien, und Momo nickt ermutigend, meine Performance verbessert sich offenbar. Cassandra antwortet, dass sie gern Kunstmuseen besuche und eine Aerobic-Klasse leite, außerdem habe sie ein Faible für erotische Filme, erzählt sie und zwinkert. Ihre Freundin Penelope kichert daraufhin, Momo zwingt sich ein Grinsen auf, und ich begrabe teilnahmslos die Garnele unter einer Gabelladung Basmatireis. Mit unseren Lügen übers Lesen und Skifahren fühle ich mich wie ein Heiratsschwindler, der Moët macht mich allmählich betrunken, und ich denke daran, dass ich mich jetzt allein in die Badewanne legen und mir eine Doku über die Pest im Mittelalter, einen Saunaclub-Gangbang oder japanische Horrorfilme aus den Nullerjahren ansehen könnte, doch ich brauche dringend Geld, und überhaupt kann ich Momo nicht hängen lassen. Weil sich peinliches Schweigen einstellt, erzähle ich von den Nachrichten heute Morgen, darüber, dass es in New York wohl genetisch mutierte Ratten gibt, die durch einen bioevolutionären Schub hochwiderständige Fettmägen entwickelt haben, ausgelöst durch Junkfood. Außerdem ist eine berühmte Influencerin in ihrem Lamborghini gecrasht und bei lebendigem Leibe verbrannt. Penelope und Cassandra nicken ein bisschen irritiert, fangen an, sich über einen gemeinsamen Freund zu unterhalten, der 'ebenfalls in einem Sportwagen verunglückt ist', und Momo wahrt eisern sein Pokerface, doch ich spüre, dass er nicht unbedingt begeistert von meinem neu erwachten Mitteilungsbedürfnis ist. Ich entschuldige mich für einen Moment, verschwinde auf die Toilette und betrachte mein Spiegelbild, das mir sonderbar fremd ist. Da steht ein Menschenaffe, die Augen tief und dunkel, wie ein nächtlicher See. Übers Waschbecken gebeugt, fächere ich mir kaltes Wasser ins Gesicht, und als ich mir die Hände abtrockne, surrt mein Handy. Es ist eine Nachricht von Momo: 'HÖR AUF ÜBER RATTEN ZU REDEN' Ein paar Stunden später fahre ich mit Cassandra im Aufzug hoch zu ihrer Wohnung, sie greift nach meinen Fingern, summt eine Melodie und nimmt dabei keine Sekunde lang den Blick von mir. Ich kann dem nur schwer standhalten, nicht nur wegen ihres angetrunkenen Schmunzelns, sondern auch, weil der Innenraum verspiegelt ist und es kein Entrinnen gibt, egal wo ich hinsehe, da ist überall Cassandra. Zu allem Überfluss bin auch ich betrunken und umschließe mit der Faust das Viagra in meiner Jackentasche. Momo hat mir gesagt, sich zur Lust zu zwingen, erzeuge eine merkwürdige Traurigkeit in ihm. Es sei wie mit falschen Freunden feiern zu gehen oder wie ein Dessert, von dem man nur aus Höflichkeit kostet, obwohl man keinen Appetit hat. Ich finde es tragisch, aber auch lustig, dass Momo nur fähig ist, über seine Gefühle zu sprechen, wenn es um Sex oder Mode geht. Wir gelangen in ein schlicht gehaltenes Wohnzimmer mit rundem Glastisch in der Mitte und einem Screen an der Wand. Cassandra sagt beiläufig 'Ich bin geschieden', als müsste sie sich für irgendetwas rechtfertigen. Sie mixt uns Gin Tonics, legt sich auf die Ledercouch und zeigt mit einer bedeutsamen Geste auf den Platz neben sich. Ich erschaudere, weil das Ganze so einstudiert wirkt, lege mich zögerlich neben sie und verkrampfe. Der Gin Tonic ist viel zu stark, Cassandras Hand findet ihren Weg auf meinen Oberschenkel, mit der anderen drückt sie auf der Fernbedienung herum, und auf dem Bildschirm erscheint ein Schriftzug: Schulmädchenreport Reloaded . Ein seichtes Popinstrumental setzt ein, und eine Gruppe Schülerinnen sitzt in einem Chemiesaal. Sie alle kichern dümmlich, albern herum und tragen weit ausgeschnittene Blusen und Achtzigerjahrefrisuren. Als der schnauzbärtige Lehrer das Klassenzimmer betritt, fahren sie zusammen, und ein paar von ihnen flüstern einander ins Ohr. In Nahaufnahme sieht man eine Schülerin, ...
Escort, Camshows, Pornos - Levin macht seinen Körper zu Geld, etwas anderes hat er nie gelernt. Eigentlich wollte er in LA Model werden, doch seine Karriere bewegt sich nun, da er wieder zu Hause ist, in eine andere Richtung. Auch Levins privates Umfeld ist angesichts seiner Entscheidungen verärgert, vor allem sein Bruder Gregor. Der ist den ganzen Tag online, befehligt virtuelle Soldaten und kämpft gleichzeitig gegen die eigenen Dämonen, dabei waren sie sich früher so nah. Levin setzt nochmals alles aufs Spiel: Ein waghalsiger Plan soll das Vertrauen seines Bruders zurückgewinnen, doch bringt am Ende alle in große Gefahr. Ein bewegendes, melancholisches und humorvolles Debüt über Körper, Selbstbestimmung und den Versuch, in einer auseinanderfallenden Welt echte Nähe herzustellen.
Autorenporträt
Jonas Theresia wurde 1995 geboren und lebt in Berlin. Er schreibt Prosa, Lyrik und Essays und arbeitet mit bildenden Künstler:innen zusammen. Toyboy ist sein Debütroman.
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