Elisabetta oder Der Schrei des Pfau

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2. Roman der Elisabetta-Trilogie

ISBN: 386638436X
ISBN 13: 9783866384361
Autor: Krist, Uwe
Verlag: Axel Dielmann Verlag KG
Umfang: 320 S.
Erscheinungsdatum: 28.10.2024
Produktform: Gebunden/Hardback
Einband: Gebunden
Artikelnummer: 4696886 Kategorie:

Beschreibung

1. Sechs Sekunden Si tarricu na stella, Si tarripari di la marina, Cu tia voce mincantassi, E lu tempu sabbanduna. Wenn du zu einem Stern kommst, wenn du den Hafen erreichst, dann verzaubert mich deine Stimme Und die Zeit gibt sich selber auf Fftt. Sebastian war rundum glücklich, obwohl seine Welt gerade in einer nie erlebten Schräglage war, als hätte sich ihre Achse stark verschoben. Es störte ihn nicht. Er schaute aus dem Fenster und lachte zum Himmel, der sich über Sizilien bläute. Nel blu dipinto di blu. Er schmeckte die mit dem Duft frisch geschnittenen Grases gewürzte Luft, die durchs offene Fenster hereinströmte. Fftt. Vor ihm, sich zum offenen Fenster hereinlehnend, vererdete sich der Himmel im tiefen Vriga-Blau der Kornblumen. Nun lebten sie seit fast zwei Jahren zusammen mit ihrem vierjährigen Mino auf der Insel. Doch Elisabetta, die von gegenüber stammte, vom kalabrischen Festland, nannte das zarte blüteblaue Wunder noch immer Italienisch Fiordaliso. Der harte sizilianische Dialekt, ja, diese ganz eigene Sprache blieb ihr fremd, obwohl er doch so ähnlich ihrer kalabrischen Zunge war. Fftt. Drei Jahre hatte es gedauert bis zum endgültigen Umzug. Sebastiano musste lächeln. Elisabetta, erst seine späte Studentenliebe, heute seine Frau, seine Familie zusammen mit Mino. Sie wird noch früh genug merken, wie schön das Sizilianisch klingen kann. Nun avemu fretta! Nein, sie alle hatten keine Eile. Fftt. Seine weit aufgerissenen Augäpfel waren die konvexen Spiegel des Himmels, auf dem sich zwei in Weiß auflösende Kondensstreifen kreuzten. felice di stare lassù. Noch zwei Sekunden. Fftt. Jetzt irritierte ihn das Geräusch doch. Er drehte seinen Kopf leicht zu der Seite, von wo dieses Störgeräusch kommen konnte, da wechselte sein Blick vom bourbonischen Blau ins tiefe aragonische Rot der Pappaloccu, des Klatschmohns. Papavero würde Elisabetta sagen. Fftt. Dieser Klatschmohn hatte lange, weiche Tentakeln, die Sebastiano übers Gesicht und über die Augäpfel liefen. Immer mehr Fäden, immer dichter, wie ein rotes Netz, das man ihm über den Kopf zog. Oder wie eine glitschige, undurchsichtige, rote Badekappe aus schnell verdickendem Blutgummi. Ein Reifen, der vordere linke, drehte sich noch, als die Ersthelfer zum schräg auf der rechten Seite liegenden Autowrack im Straßengraben kamen. Offenbar, so die späteren polizeilichen Untersuchungen, war der Wagen aus Süden kommend unter der zweigeteilten Autobahnüberführung gegen den letzten Betonpfeiler der A19 gerast und bis in den Graben hinter der Ausfahrt katapultiert worden - unmittelbar vor der nach links in Richtung Provinzhauptstadt Enna führenden Landstraße, die SP62. Bremsspuren gab es keine. Der Tag war hell, trocken und - bis eben- freundlich. Es sah nicht gut aus. Das Wrack hatte sich in den Grabenrand gewühlt, die Windschutzscheibe war beim ersten Aufprall am Pfeiler in einem Stück herausgeprallt und lag zerplatzt auf der Straße. Wie ein Widersinn drängten Grasnarben und herausgerissene Feldblumen durch das offene Loch, wo vorher die Scheibe gewesen war, ins Wageninnere. Das 15-Zoll-Rad des weißen Fiat Punto schleifte hässlich hörbar, Fftt, immer wieder am verbeulten Blech des vorderen linken Kotflügels, bis ihn die harte Faust eines Helfers festhielt wie einen sich um sich selbst drehenden Tollwut-Hund. Da liegt einer drin, schnell, fass mal an! O mio Dio, é morto? Ja, offensichtlich. Sebastiano war tot.

Ja, 'alles schien gut' - so hieß es am Ende von Band 1 'Elisabetta oder Das Sterben der Grille. Es sollte endlich ein ruhiges, inniges Familien-Leben sein, in Liebe und Glück. Elisabetta, ihr Mann Sebastiano, eine Liebe aus ihrem Leben auf dem Festland Kalabriens, vor ihrer Abreise - oder war es eine Flucht? - mit ihm und ihrem mittlerweile sechsjährigen Sohn Milo übers Meer nach Sizilien. Endlich konnte sie all ihre Ängste, ihre Paník, ihre Qualen aus ihrem - wie sie es nannte - 'Unleben' abschütteln. In der Heimat ihres Mannes, wo auch seine Eltern lebten, ein kleiner Ort an der Stadtgrenze von Catania, hatten sie einen kleinen, aufblühenden Weinhandel geründeten. Darin hatte sie sich zuletzt inten­sive Kenntnisse angeeignet, das hatte sie drüben, auf dem Festland, erlernt - aber dann die Katastrophe: Ihr Mann Sebastiano verunglückt tödlich - sein Auto war ohne später erkennbaren Grund von gerader Straße abgekommen, gegen einen Brückenpfeiler gerast. Von einer Sekunde zur anderen war Elisabetta bis auf die Hilfe der Schwiegereltern auf sich allein gestellt, war mit einem Schlag Witwe und alleinerziehende Mutter, die sich für ihren Sohn verzehrte. Für Milos schüttelte sie sich den Schock ab, für seine Zukunft stemmte sie sich gegen das Dunkel der Trauer und Verzweiflung, stürzte sich in ihre Arbeit. Jetzt sollte, nein, jetzt musste der Weinhandel ein Erfolgsprojekt werden. Dafür galt es, das zunächst lokale Vertriebsnetz auszubauen und Kooperationspartner zu finden. Auch im Veneto. Darum fliegt sie eines Tages nach Venedig. Hätte sie nur eine winzige Ahnung gehabt, welche Schock- und Schicksalswellen sie aus der Lagunenstadt heraus auf eine traumatische Odyssee bis nach Neapel spülen würde - sie hätte das Flugzeug in Catania nie betreten. Aber sie ahnte nichts. Nichts von dem Unbekannten, der immer wieder in entscheidenden Momenten ihren Weg kreuzte. Nichts von ihren Brüdern, den letzten Mitglieder ihrer kalabrischen Familie, die auf einmal drohend in Mailand auftauchten. Und vor allem nichts von dem Leid ihres kleinen Sohnes Milo, der plötzlich verschwunden war. Nein, garnichts war mehr gut

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